"Wir sind in der Stunde der Wahrheit; wir müssen einen europäischen Stolz wiederfinden, den Stolz des europäischen Humanismus und des Zivilisationsmodells."

nicolas hulot Nicolas Hulot ist durch seine engagierten Umweltmagazine im Fernsehen seit vielen Jahren in Frankreich eine sehr bekannte und geachtete Person. [Wikipedia »»» engl »»» frz]. Seine Wirkung als eine moralische Autorität auf Bürger und Politik ist in etwa der des deutschen Bundespräsidenten in sozialen Fragen vergleichbar: er wird gehört, manche Dinge kann er anschieben, viele Dinge gehen dann aber "im politischen Geschäft" unter. Er ist Gründer der vielseitig aktiven Stiftung "Fondation pour la nature et l'homme" [Stiftung für die Natur und den Menschen/ Fondation Nicolas Hulot], hatte einen großen, lange dauernden, tiefgehenden und erfolgreichen "Runden Tisch Umwelt" [Grenelle de l'Environnement] initiiert, und 2007 seine Kandidatur zu den französischen Präsidentschaftswahlen zurückgezogen nachdem alle Kandidaten einen "Pakt zur Umwelt" unterschrieben hatten. Er gehört keiner Partei an, aber einer seiner engsten Mitarbeiter ist einer der Spitzenkandidaten der Liste Europe-Ecologie, die er selber - bislang ohne direkten Wahlaufruf - öffentlich "favorisiert".
Einen weiteren Artikel von Hulot finden Sie »»» HIER, an oberster Position in meinem Dossier "Europawahlen | Warum wählen - warum europäisch, warum grün wählen"

Dieses Interview ist sowohl Bestandteil eines aktuellen Klimadossiers wie das vorletzte Element meiner morgen mit zwei neuen Artikeln von Daniel Cohn-Bendit endenden Beitragsreihe zu den Europawahlen und zur französischen grün- ökosozialen Liste Europe-Ecologie. Darum steht es hier von beiden Seiten ansteuerbar separat und "nackt" ohne weiteren Kontext oder Kommentar.

"Europa muss die klimatische Revolution anschieben und -führen"
Dimanche 24 Mai 2009
Hulot: "L'Europe doit entraîner la révolution climatique"
von Soazig QUEMENER
Le Journal du Dimanche »»» frz Originaltext

Er hat etwas von einem grünen Sysiphos, dessen Kampf niemals gewonnen ist. Mit seinem "Ökologischen Pakt" glaubte Nicolas Hulot die Politik überzeugt zu haben. Trotz des "Runden Tisches Umwelt" (Grenelle de l'environnement) und des europäischen "Paketes" sieht der Fernsehmoderator die Gefahren ansteigen. Im Journal du Dimanche warnt er: die ökonomische und ökologische Revolution ist unvermeidbar.

Ist Europa auf der Höhe der klimatischen Herausforderungen?

Europa ist es noch nicht, muss es aber werden, denn allein Europa kann da die Welt mitziehen. In sechs Monaten haben wir eine Konferenz in Kopenhagen, wo die Gesamtheit der Menschheit sich die Mittel geben muss, um das Schlimmste zu verhindern. Mir ist die Dramatik von solchen Erklärungen bewusst, aber wir sind wirklich in der Stunde der Wahrheit. Und es sind wirklich wir, die Europäer, die entscheidend sein können. Wir müssen wieder an einen europäischen Stolz anknüpfen, den Stolz des europäischen Humanismus und des Zivilisationsmodells. Mit dem "Klimapaket" stand Europa an der Spitze und Nicolas Sarkozy stand nicht abseits. Aber das reicht nicht. Wir sind Geiseln unserer Konjunkturpakete und in unseren sozialen Konservativismen wie gelähmt. Und auch in den Umweltfragen muss man sehr viel weiter gehen. Was mit dem Klima passiert, ist keine Sache der Meteorologen. Alles ist miteinander verbunden: die soziale Krise, die Wirtschaftskrise, die Umweltkrise. Entweder wechseln wir in ein anderes Zivilisationsmodell, auf revolutionäre Art....

Oder aber?


Wir geraten in eine Sturmzone, öffnen Pandoras Büchse und die Auflösung der Knoten wird nicht glücklich enden können. Die menschliche Natur und die Natur im allgemeinen werden uns nicht nach unserer Meinung fragen. Sie werden selber Lösungen für die Krise finden. Nur wird das in einem Zusammenhang von Gewalt stattfinden, anstatt dass es in einem friedlichen und demokratischen Kontext angegangen wird.

Sie halten einen prophetischen Diskurs....

Ich bin in einer absoluten Realität. Was das Klima betrifft, so sagen und wiederholen die Experten des Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC [Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen, im Deutschen oft als Weltklimarat bezeichnet»» siehe auch mein neues Klimadossier Pfingstmontag] seit Jahren dasselbe. Und was soziale Fragen betrifft, bin ich verdutzt von meiner eigenen Zurückhaltung und von der Geduld der Menschen. Haben Sie den letzten Paris Match [Französische Wochenillustrierte] gesehen? Mit diesem sublimen Foto der beiden Schauspielerinnen Monica Belluci und Sophie Marceau auf der Titelseite? Innen drin waren Bilder von aus unseren Landstrichen verjagten und in ihre Hölle zurückgeschickten libyschen Flüchtlingsfamilien. Diese Nachbarschaft, dieses Nebeneinanderstellen der schlimmsten der Miseren und der unschuldigsten der Wohlstände, das ist nicht mehr auszuhalten, es ist nicht lebbar. Das wird nicht halten können. Millionen der Miserablen kennen unseren Reichtum. Die wünschen ihn für sich selber und gleichzeitig spucken sie auf unsere Unanständigkeit. Setzen wir den Klimaschock obendrauf und die Millionen von Flüchtlingen, die die Klimaerwärmung hervorbringen wird, die Zerstörung der Heime....

Also muss alles umgestürzt werden?

Also muss alles gewagt werden. Hinter die Horizonte der Utopie gehen. Ein System ist am Ende. Meine Revolution nährt sich von Reformen. Wir müssen eine globale Solidarität neu erfinden; den Planeten organisieren, um das Wachstumsmodell abzulösen; das Minuswachstum der Reichen organisieren, auf sanfte Art, ohne die sozialen Gleichgewichte zu zerstören. Die Weltbank, der Weltwährungsfond und die Welthandelskommission müssen neuen Zwängen gehorchen. Damit man aufhört, Projekte zu finanzieren, die der Realität gegenlaufen. Es gilt, für eine sehr tiefe und sehr komplizierte Veränderung ans Werk zu gehen. Einfach ein grünes Wachstum [siehe auch Interviews mit Sandrine Belier] reicht nicht. Es werden Opfer nötig sein, und zwar im Einverständnis, es wird Verzicht nötig sein. Es werden Relokalisierungen, Heimführungen von Ökonomien nötig sein und allein schon wegen der energetischen und der ökologischen Zwänge wird es viel striktere Normen geben müssen. Kurz gesagt: sich in allem Grenzen setzen. Das wird, so hoffe ich es, auf gewaltfreie Art und über Verhandlungen passieren müssen. Aber dem Termin wird nicht ausgewichen werden können.

Erscheint Ihnen Obamas Amerika in der Lage, alles zu wagen?

Man muss diesen herablassenden Blick auf Amerika aufgeben, das führt zu nichts. Wenn ich jetzt schon wieder sagen würde, dass der american way of life eine soziale und ökologische Ketzerei ist, wohin würde ich damit kommen? Ich möchte in der politischen Realität sein. Meine Frage ist einfach: wie sich bewegen? Obama will es. Er präsidiert ein Land, dass nicht so reif ist wie er selber. Eine aktuelle Umfrage zeigt die Klimaveränderung auf dem dreißigsten Platz der Sorgen der Amerikaner. Das ist ein Grund mehr, Obama zu helfen und auf ihn zu setzen.

Kann Europa Obama gegen dessen öffentliche Meinung helfen?

Alle Möglichkeiten, alle Anlässe zu Dialogen, alle Schiessscharten müssen genutzt werden. [...]Europa hat überzeugende Argumente und Beweise seines guten Willens wie das "Klima- Energiepaket" Amerika setzt auf technologische Transition, nicht auf Reglementierung. Beide Visionen können sich ergänzen.

Bleiben Sie optimistisch?

Optimismus und Pessimismus sind zwei Gesichter der Resignation. Man ergibt sich in sein Schicksal, anstatt es zu ändern. Mein Problem ist eher Müdigkeit als Optimismus. Man fragt mich nach meiner Meinung zu sehr komplexen Dingen. Man kommt zu mir wegen vieler Dinge, und ich kann nicht mehr geben. Ich wäre gerne effizienter, oder zumindest weniger allein. Ich würde gerne von politischen Führern den Stab abgenommen bekommen. Manchmal finde ich, dass das sehr schwer lastet. Manchmal sage ich mir, dass es ein bravuröser Akt wird, den Mut zu behalten. Die Versuchungen hoffnungslos zu werden sind groß an der Zahl. Es gibt so eine Trägheit und so eine Pyramide an Komplexität! Wenn man sieht, wie alle Krisen zusammenfließen, dann ist die Versuchung, sich in sich selbst zurückzuziehen.... Man sagt sich, wie können wir es schaffen? Und gleichzeitig, wenn man sieht, wie groß das menschliche Genie ist, und wenn man sieht, wie man Milliarden Euro für die Banken auftreiben kann... Mit der Krise haben die Regierungen gelernt zusammenzuarbeiten. Laßt uns vor der Konferenz in Kopenhagen einen G20 machen, der ausschließlich dem Klima gewidmet ist!

Was nützen die Wahlen zum Europäischen Parlament in dieser Atmosphäre der globalen Krise?

Um aus Europa einen wesentlichen Raum zu machen, ein Heim des Humanismus und der Kreativität. Es kann der Ort werden, wo man neue ökonomische Paradigmen modelliert. Wir müssen aber den letzten Aufbäumungen des Ultraliberalismus, der immer noch in Brüssel und Straßburg regiert, widerstehen. Die Doktrin des Profits und des laisser faire ist in Krisenzeiten nicht nur höchst unanständig, sie ist auch und vor allem lähmend und uneffektiv. Wir brauchen Normen, Regulierung, Voluntarismus und Handeln.

Vor einem Jahr sagten Sie in unserer Zeitung, Sie seien zunehmend angetan von Daniel Cohn-Bendit, aber auch von Olivier Besancenot[*]. Was bedeutet das für Ihre Wahl?
[*"Neue Antikapitalistische Partei" NPA, trotzkistisch-kommunistisch-revolutionär, ehemals "Revolutionäre Kommunistische Liga" LCR, bekommt immer ca. 5%]

Beide gehen über eine simple Korrektur des Systems hinaus und schlagen fundamentale Veränderungen vor. Meine Art des Engagements verpflichtet mich zu einer gewissen Neutralität: wenn es mir gelang, den "Runden Tisch Umwelt" oder das Klima-Energiepaket organisieren zu helfen, so lag es daran, dass ich zu allen spreche. Ich werde aber nicht heuchlerische sein und meine Geschichte, meine Freundschaften und meine Sympathie mit Europe-Ecologie abstreiten. Dies gesagt, ist es kein Wahlaufruf, weil ich mich nicht an die Stelle des Gewissens der Wähler zu setzen habe.

Ende.

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NEU: ABSCHLUSS WAHLSERIE - LEITFADEN LEKTÜRE
» Interpretationshilfe: Zum 16% Wahlerfolg "Cohn-Bendit's/ José Bové's Liste" Europe-Ecologie, zur Stagnation SPD-Grüne-Linke
WARUM EUROPÄISCH UND GRÜN WÄHLEN?
Meine Artikel dazu, (»»alle,preview)
bestehen stellvertretend für die meisten europäischen Grünen im Wesentlichen aus Übersetzungen von sehr aussagestarken Interviews und Texten seitens der französischen Liste EUROPE-ECOLOGIE - mit den Themen Grüner New Deal, der Notwendigkeit fundamentaler Veränderungen unseres Gesellschaftsmodells und der Bedeutung der europäischen Ebene. Die Beiträge sind teilweise mit Videos und oft mit links zu Zusatzinfos in Bild, Ton oder Text versehen.
Die Klickliste, einzeln:
Europe-Ecologie: Mein Beitritt - mein persönliches Manifest, bzw. meine eigenen Antworten auf die "WARUM?"
MEINE 2 LIEBLINGSTEXTE:
Zur "ökologischen Entwicklung", - Sandrine BELIER / Europe-Ecologie - Interviews in deutscher Übersetzung | Inkl. der Zeichnungsappell der Bewegung
+ "Mein Europa", Sandrine BELIER, ein emotionalerer Appell

Das politische Manifest von Europe-Ecologie | Deutsche Übersetzung

Konversion des Kapitalismus nach sozialen und ökologischen Kriterien | mit Sven Giegold (D) und José Bové (F) - Zwei Teile

Daniel Cohn-Bendit über die Krisen, das Bündnis Europe-Ecologie, die Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaften, Sarkozy, Deutschland und Frankreich.

Cohn-Bendit + José Bové: "Demokratischer Neuaufschwung Europas" mit neuem Verfassungsprozess und kontinentaler Volksabstimmung | + Merkel entpolitisiert

Nicolas Hulot: Europa muss Klimarevolution einleiten

(Nationalwahl) Bündnis 90/ Die Grünen wollen neuen Gesellschaftsvertrag | + Green New Deal

VIDEOCLIPS TV-SPOTS BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN + EUROPE-ECOLOGIE

Europawahlen | Warum wählen - warum europäisch, warum grün wählen

Jetzt gibt's doch einen kleinen Kommentar, im Eifer des Gefechts:
Bravo, Nicolas, klare Worte. Genau dieser Diskurs muss geführt werden, und wenn viele Leute das hundertmal nicht hören wollen und es Prozente bei Wahlen kosten kann. Diese einmalige Weltsituation mit dem bislang größten und bedrohlichsten Krisenkonglomerat, wo aber NOCH das Steuer herumgerissen werden kann, zwingt zu Mut, Konsequenz, Radikalität und Offenheit, weil die Menschen nicht für ein Kreuz bei der Wahl gewonnen werden müssen, sondern für ein allumfassendes Projekt, und ihnen daher das Warum und das Wohin angeboten werden muss. Deshalb bin ich im April Europe-Ecologie beigetreten und habe die deutschen Grünen verlassen (worüber natürlich niemand weint ;D ).
Nichtsdestotrotz stärkt jede Stimme in jedem Land für jede nationale grüne Liste die gesamte grüne Europafraktion, und mit ihr diese, ich nenne es "urgrüne", Liste, die die Verbindung zu ihren Wurzeln wiedergefunden hat.
Manche meiner neuen Parteifreunde "bemängeln", dass Sie nicht öffentlich zu unserer Wahl aufrufen. Ich denke, für eine öffentliche Person wie Sie ist so ein Interview in einem so populären Medium Aufruf genug. Sie müssen nicht nachts in die Schlafzimmer stürmen und den Leuten sagen wie sie wählen sollen ;) . Danke Ihnen, wie auch den anderen prominenten Franzosen, die langsam aus der Deckung kommen. Das hatten wir in Deutschland zuletzt bei Willy Brandt.

EINE VON 9 FOTOMONTAGEN (DEUTSCHE VERSION) , DIE ICH FÜR DIE KAMPAGNE VON EUROPE-ECOLOGIE GEMACHT HABE:
Den guten Finger
DIE ANDEREN SIND »»» HIER (DEUTSCH)
UND »»» HIER (FRANZÖSISCH ORIGINAL)

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