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A05 Soziale Unruhen Paris 2005

  • [lien fr dedans] Pariser Unruhen, Teil VIII: Übersetzung Chat bei "Libération"

    "In den Vorstädten: Alltägliche, ethnische, räumliche, soziale und arbeitsmarktbedingte Diskriminierungen."

    Online-chat (ORIGINALVERSION) der französischen Zeitung Libération (in etwa wie die taz) mit Véronique Bordes, Forschungsbeauftragte des CREF (Forschungszentrum Erziehung und Bildung/ Centre de recherche éducation et formation) der Universität Paris X - Nanterre, sowie Co-Autorin des Buches "Alternative Jeunesse".
    Der Chat fand in der ersten Woche der Unruhen statt.

    Fragen:
    1. angèle: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für soviel Arbeitslosigkeit in den so genannten "sensiblen Zonen"? Liegt das am Scheitern in der Schule? Und wenn ja, was sind denn die Gründe für diesen schulischen Mißerfolg im Vergleich zu anderen Gebieten in Frankreich?

    2. momo: Guten Tag, ich wohne in Mantes und habe ein Abitur + 4 (=Jahre höherer Studien) und ich suche Arbeit im Bereich "menschlicher Beziehungen". Ich finde nichts, aus verschiedenen Gründen. Sicherlich wegen Diskriminierung, aber das ist nicht alles. Heute hat man mir sogar gesagt, ich sei überdiplomiert. Wie kann man diese Mentalitäten ändern?

    3. kiko: Glauben Sie nicht, daß diese Vorstadtphänomene von der politischen Klasse schlecht angepackt werden? Man übt zuviel Druck auf die Jugendlichen aus und nicht genug bzw. gar keinen Druck auf die Eltern, die doch verantwortlich für die Erziehung ihrer Kinder sind.

    4. seb: Wie könnten Sie die Verhältnisse zwischen den Jugendlichen und den Einrichtungen und Institutionen beschreiben?

    5. seb: Was soll finanziert werden? Dasselbe wie immer, also Schulen, Verbände, Sportplätze, neue stadtpolitische Projekte ...? Das funktioniert doch nicht.

    Antwort 1: Ich habe keine Vergleiche gezogen zu anderen Regionen in Frankreich. Meine Arbeit beschäftigt sich mit dem Departement Seine- Saint-Denis (Pariser Nordosten). Nicht alle Kinder scheitern in der Schule. Manche studieren sogar und bekommen Abschlüsse und dennoch finden sie keine Arbeit. Einige junge Absolventen erklärten uns, ihre Diplome seien bei der Stellensuche sogar kontraproduktiv.
    Die Forschungsarbeit hat aufgezeigt, daß gewisse französische Einrichtungen und Betriebe junge Menschen mit Immigrationshintergrund nicht in Schlüsselstellungen beschäftigen möchten, sondern nur subaltern. Man möchte denken, leitende Angestellte sind das Bild einer Institution die in gewissen Fällen nicht durch Immigrantenkinder repräsentiert werden möchte.
    Was die Schule betrifft, so haben die Jugendlichen uns berichtet, wie schwer es ist, zur Schule zu gehen oder zu studieren, wenn man kein Zuhause hat, wo man darin von der Familie begleitet wird. Und doch haben die meisten von denen Hilfe zu finden gewußt, bei lokalen Einrichtungen und Verbänden. In allen diesen Fällen hatten diese Begegnungen dann zum schulischen Erfolg geführt.

    Antwort 2: Tatsächlich überdiplomiert zu sein oder bloß über einen Studienabschluß zu verfügen kann in der Tat bei der Stellensuche kontraproduktiv wirken. Viele Lösungsmöglichkeiten wurden von Politikern angesprochen: Man hat über Quoten diskutiert und sogar über positive Diskriminierung...
    Ich für meinen Teil bin da skeptisch, bei beiden Lösungen. Wenn man sich anschaut, wie Betriebe und Einrichtungen solche Notwendigkeiten umschiffen, sieht man, daß das Problem viel komplizierter ist: Das sieht man bei Frauen, bei behinderten Menschen und sogar im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Da werden die Regelungen auch umgangen. Das Problem rührt vielleicht daher, das wir in einem repressiven System sind, in einem System, welches Vorschriften macht. Die Gesellschaft sollte sich vielleicht in eine vorbeugende Vorgehensweise begeben, mit Anreizen, die die Dinge vielleicht ändern könnten. Doch bleibt das Problem vollständig bestehen, denn, wie Sie sagen, die Diskrimination ist in den Einstellungen und Mentalitäten verankert.

    Antwort 3: Die Gesellschaft hat sich seit einiger Zeit geändert. Die Erziehung und die Familien waren Wandlungen ausgesetzt. Die Tatsache, daß der Arbeitsmarkt zerbrechlich geworden ist, hat Veränderungen in den Familien zur Folge. Auch die Konsumgesellschaft beeinflusst verschiedene Einstellungen und auch die Erziehung. Die Weitervermittlung zwischen den Generationen vollzieht sich nicht mehr auf dieselbe Weise. Man kann feststellen, daß viele Väter nicht mehr in der Lage sind, an ihre Söhne weiterzugeben, was sie früher weitergeben konnten. In fortwährender Existenzbedrohung zu leben, unterbindet bei vielen Familien sogar jegliche Art von Übermittlung.
    Dennoch haben wir in unserer Untersuchung festgestellt, daß die meisten Familien präsent sind und willens, ihr Kind zu erziehen.
    Das schlechte politische Management der Vorstadtproblematik liegt sicherlich an dem Problem, daß die dortigen Familien sich vom Staat vergessen fühlen. Sie sind alltäglichen, ethnischen, räumlichen, sozialen und arbeitsmarktbedingten Diskriminierungen ausgesetzt. Die staatlichen Hilfen halten heutzutage nicht mehr ihr Versprechen und die angekündigten Finanzierungen werden schon vor der Umsetzung verschiedener Programme gekürzt.
    Es scheint für den Staat einfacher, die Jugendlichen als "Gesindel" zu behandeln und die Ordnungskräfte zu schicken, als dauerhafte Lösungen zu finden und eine Politik zu entwickeln, die Vertrauen in ein besseres Leben schaffen könnte.

    Antwort 4: In den 1980ern, mit der Entwicklung der "Politik der Städte", und vor allem nach den Aufständen in den Vorstädten in den 1990ern erleben wir eine Übernahme von Jugendproblemen durch lokale Einrichtungen. Die Kommunen entwickeln Räume,, die erlauben sollen, sich um Jugendliche zu kümmern. Diese Räume sind je nach Kommunalverwaltung unterschiedlich. Meistens werden sie von einem Jugendamt verwaltet, dessen Aufgabe und Arbeitsweise dann je nach der politischen Farbe der Kommune unterschiedlich ausfallen. Man könnte denken, daß die Institutionen in der Hoffnung auf sozialen Frieden den Jugendlichen geben und die Jugendlichen etwas bekommen.... Man kann auch sagen, daß die Jugendlichen fordern und die Institution dann gibt. Das ist jedoch viel komplizierter. Tatsächlich baut sich eine Verbindung auf zwischen den Institutionen und den Jugendlichen durch die Vermittlung der Sozialarbeiter. Dies erlaubt eine Wechselwirkung und eine für beide Seiten ausreichend befriedigende Politik, eine gegenseitige Bereicherung, eine gegenseitige Sozialisation.

    Antwort 5: Man kann nicht sagen, daß das nicht funktioniert oder überhaupt keine Wirkung hat. Die Schule, die Verbände, die Sportstätten, das sind Räume der Sozialisierung und des Lernens. Sie sind eine Begleitung bei der Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind wichtig, denn sie erlauben es gleichermassen, andere Leute zu treffen wie zu lernen, in der Gemeinschaft zu leben. Unglücklicherweise reichen diese Räume nicht aus, eine Krise zu regeln, die viel breiter und tiefer ist.
    Wir finden uns heute mit Vorstädten wieder, in denen nur noch die Familien in prekärsten Situationen übrig sind, die nirgendwo sonst leben können. Die Krise am Arbeitsmarkt, die Wohnungsnot, das sind Probleme, die nicht nur auf lokaler Ebene gelöst werden können. Wir haben es mit einer Krise zu tun, die der Staat managen muß.
    Und doch gibt es in den armen Vierteln menschliche und gemeinschaftliche Ressourcen sowie eine gewisse soziale Erfahrung mit den Schwierigkeiten des Lebens. Sobald man sich die Zeit nimmt, diesen Leuten zuzuhören und ihnen wirkliche Beteiligung anzubieten, stellt man fest, daß sie über ein Wissen verfügen, das für uns alle wichtig ist. In der "Politik der Städte" wurde die Bedeutung der Anwohnerbeteiligung ausdrücklich klargestellt. Diese Bedeutung scheint vergessen zu sein.
    In Frankreich haben wir ein System der Institutionalisierung von Menschen aufgebaut, die einer gewissen Art von Staatsbürgerschaft entsprechen sollen. Die finanziellen Mittel sorgen vor allem dafür, die Leute in entsprechenden vordefinierten Rahmen zu halten.
    Eine Studie zeigt, daß in den USA eine Bürgerbeteiligung dazu führte, eine Art lokaler Gegenmacht aufzubauen, welche das Leben der Einwohner real mit einbezog und Möglichkeiten zur Veränderung öffnete.
    In Frankreich sind wir weit entfernt von solcher Bürgerbeteiligung.

  • Paris VII: Französische Gesellschaftskrise (Vorstadtrandalen) - 50 Fragen von 50 Bürgern und 50 Antworten von Präsident Chirac

    Am 13.12.05 veröffentlichten der Parisien Libéré und Aujourd'hui la France, zwei landesweite Tageszeitungen, qualitativ etwa in der Mitte zwischen der Bildzeitung und einer anständigen Tageszeitung, auf über acht Seiten den ungewohnt aussagefreudigen Diskurs des Präsidenten.

    Ich werde davon vor Jahresende hier etwa 2/3 übersetzt publizieren (tag: 50 Antworten), und zwar zu Fragen, die über Frankreich hinaus von Bedeutung sind und solche, die einen Einblick in die französischen Verhältnisse verschaffen. Ich bringe die Texte einzeln, um Kommentierungen zu erleichtern, aus denen ich womöglich für französische Leser eine interessante kleine Dokumentation basteln werde können?

    Diese Aktion hat rein dokumentarischen Charakter und findet aufgrund der Tragweite der Ereignisse statt sowie aufgrund der Bedeutung der dort diskutierten Themen auch für uns. Nicht zu schweigen davon, daß so auch ein interessanter etwas tieferer Blick in die Verhältnisse anderswo möglich wird. Nicht so wie bei Fernsehdiskussionen, wo die Teilnehmer gerne zur Unterstützung ihrer These beispielhaft ein Land nennen und vielleicht zehn Sekunden lang vorgeben, wie was dort geregelt wird. Selbst wenn mir manche seiner Äußerungen reichlich auf den Keks gehen, gehört so etwas auch in einen engagierten Blog, wie ich meine. Chirac hat echt nichts grünes oder progressives an sich. Er kommt hier aber unserer ewigen Forderung nach Transparenz und öffentlicher Teilhabe nach und aus all den Gründen kriegt er hier seinen Platz. Außerdem sollten wir alle anfangen, uns angesichts von möglicherweise mehreren Legislaturperioden große Koalition offen umzusehen, wie andere politisch funktionieren. Manche seiner Aussagen und Maßnahmen sind mutig bis radikal, manche sind einfach nur fast rechtsradikal und bei manchen fällt einem einfach nur noch die Kinnlade auf den Fußboden. Kommentatorisch mische ich mich da zunächst nicht mehr ein; meine Ansichten sind in der Artikelserie "Paris I - Paris VI" kundgetan.

    Wer sich, vielleicht auch in einigen der letzten Artikel, über das autoritäre Vokabular, den bestimmten Ton und die spezifische Denke in den französischen Debatten wundert, dem sei kurz noch mal die politische Struktur der französischen Gesellschaft dargelegt: Die haben sowohl ein zentralistisches Präsidialsystem als auch ein Mehrheitswahlrecht ohne Zweitstimmen für Listen. Das ist für alle Franzosen, die politisch verändernd wirken wollen, zum Beispiel die Grünen, eine entsetzliche Situation. Andereseits hat die politische Macht wirklich Macht und kann, wenn sie will, "große Würfe" ruckizucki umsetzen. Man erinnere sich an die gigantomanische Modernisierungspolitik von Francois Mitterand Anfang der 1980er mit Weltraumprogramm, Airbus, Hochgeschwindigkeitszügen zu einer Zeit, als wir uns über deren Autos schlappgelacht haben. Mitterand entschied ("Ich habe beschlossen, daß....") zu der Zeit auch, alle Schulen mit Computern auszustatten. Ein paar Monate darauf gingen wir aus beruflichen Gründen (Tourismus) in ein abgelegenes halbdesertiertes Dorf von 350 Einwohnern im Zentralmassiv. In der Schule wurden die 16 Kinder aus vier Jahrgängen in einer (der) Klasse unterrichtet und auf dem Schulhof gackerten die Hühner und die Schweine liefen herum. Doch der PC, der war drin. 1985.

    Unter dem tag "Serie 50 Antworten" sind 28 der interessantesten Aussagen hier übersetzt.

    Die 50 Antworten im Original

  • [V.F. dispon.] Paris VI: Erste Nachlese zu den Vorstadtkrawallen und ein großes Fragezeichen ueber unterschiedlichen Abgaengen von Staatschefs (15.12.05)

    Unterstreichen wir gleich vorneweg: Auch in der französischen politischen Kultur bildet das hier diskutierte Ereignis nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Wie dem auch sei, ein Zeuge der Geschichte zu sein, daß ist immer außergewöhnlich. Zu sehen, daß es so etwas gibt, daß es tatsächlich passieren kann, daß ist so beeindruckend wie ermutigend. Ich spreche von dem kürzlich vom französischen Präsidenten dargebrachten ausführlichen politischen Diskurs.

    Am 13. Dezember brachten der Parisien libéré und Aujourd'hui la France, beide auflagenstark und qualitativ etwa in der Mitte zwischen der BILD und einer anständigen Tageszeitung, auf der Titelseite und den neun folgenden Seiten A3-formatig und spärlich bebildert "50 Bürger stellen 50 Fragen und Chirac gibt 50 Antworten" zu der Gesellschaftskrise in Frankreich.

    Der große Meister der politischen Sprechblase, diesmal sagt er wirklich aus. Einen Moment lang ist die Qualität von öffentlicher

    Chirac trifft Pariser Vorstadtbewohner

    Debatte, die wir so dringend brauchen, erreicht. Einen Moment lang nur, doch immerhin einen Moment lang. Jawohl, die kürzlichen Vorstadtrandalen haben das Land geschüttelt. Jawohl, Chirac tritt in ein paar Monaten ab und selbst in der Gehirnstruktur des Karrierepolitikers darf er es nun, ernsthaft zu sprechen mit seinem Volk, wie mit Erwachsenen. Einverstanden, konkrete politische Folgen bleiben auch hier stellenweise, aber nur stellenweise, im Dunkel und es muß wie immer gewartet werden. Aber wenigstens ist das mal passiert, in der Qualität.

    Sage ich hier "wenigstens", so denke ich natürlich an seinen Ex-Kollegen Gerhard Schröder. An seinen Diskurs, an seinen Abtritt und an seine schnelle Mutation zu einem Big-Business-Man, ohne Scham und ohne Worte.

    Schröder geht in die Rente

    Mit einem Kloß im Hals muß ich zugeben, daß mir in punkto Verabschiedung die Mausoleen französischer Ex-Präsidenten (ihr fürchterliches patriotisches Gehabe sei ihnen also im Schröder-Vergleich nachgesehen), vor allem aber diese Qualität der Kommunikation von Politik seitens Chirac, besser gefallen. Was unsere politische Kultur anbelangt, so stelle ich mir noch ernsthaftere Fragen als sonst jeden Tag. Auch wenn vor dem Abtritt wahlgekämpft wurde: Zahlreich waren die Möglichkeiten, mal so auszusagen wie Chirac es zu unserer Überraschung jetzt tut, und immer war es möglich, das Volk nicht schon durch den bloßen Gebrauch der Sprache zu verarschen.

    siehe tag. 50 Antworten

    ( Chirac, Schröder, politique, société, culture politique, France, Allemagne, version francaise)

  • [V.F. dispon.] Register: Unruhe und Gewalt in französischen Sozialvierteln (23.11.05)

    Inhaltsverzeichnis einer Gruppe von fünf folgenden Artikeln zum Thema:

    Paris I: Wenn es brennt, dann bin ich.
    Meine Einschätzung zu Hintergründen und Lösungen.

    Paris II: "Es lebe das Feuer, es leben die Verrückten!"
    Übersetzung einer kleinen Einschätzung meines 26-jährigen Sohnes, der im nord-östlichen Lille lebt, stellenweise von mir kommentatorisch erweitert, plus ein gelungener taz- Kommentar über Gewalt in Bildern.

    Paris III: Zu alt geworden für Jugendkulturen? Die taz und die französischen Rapper
    Auszüge eines taz-Kommentares, mein Kommentar dazu und anstelle einer Originalantwort Übersetzung eines französischen Rap-Songs.

    Paris IV: Urbane Gewalt in Frankreich: Der Ethnizismus, das ist der Feind!
    Übersetzung des Artikels von Michèle Vianès, freie Autorin, entnommen aus europe&us, einem politischen und kulturellen französischen Blog professioneller Autoren.

    Paris V: Vergangenheit, Gegenwart und Politik
    Übersetzung des Artikels von José Peres Baptista, Präsident von La e-Cité, einer informativen und sozialen internet-Dachorganisation.

    Spaß und Erleuchtung allen, die das alles durchhalten!

    ( émeutes en banlieue, France, société, médias, politique, version francaise)

  • [V:F: dispon.] Paris I: Wenn es brennt, dann bin ich. (16.11.05)

    Mit dieser makabren Anspielung auf den berühmten Spruch des französischen Philosophen Descartes fasst der Bielefelder Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer die Vorstadtrandalen als "Anerkennungskonflikte" zusammen.
    Das sagt auch der taz-Kommentator Jan Feddersen (7.11.): "Beleidigen, gekränkt werden, missachten und abtun: das sind die psychischen Aggregatzustände, aus denen sich durch die Bank gesellschaftliche Proteste gespeist haben - nicht materielle Nöte. Der moralische Fluss der Arbeiterbewegung, wie jeder anderen Bewegung, speist sich nicht aus der Quelle geldlicher Defizienz, sondern aus der Anmutung des Adels, später der bürgerlichen Klasse, den Pöbel, die Pauper, die niederen Stände von den Voraussetzungen des eigenen Wohlergehens, quasi biologisch, auszuschließen: Ihr seid ein gutes Leben nicht wert. Die Rebellionen in Frankreich leben von diesem Umstand. Sarkozys Worte sagten auch dies: Ihr sollt nicht teilhaben."
    Stimmen zu den Vorgängen gibt es viele.
    Zunächst mal die des Innenministers Sarkozy, der die Vorstädte mit dem "Hochdruckreiniger von dem Gesindel" säubern wollte und mit diesem Spruch vor ein paar Wochen das Pulver trockenlegte.

    Solches wollte auch Jacques Chirac, damals Pariser Bürgermeister, schon in den 1970ern. Allerdings ging es damals um die Stadt Paris "intro-muros" und das Gesindel waren nicht arbeitslose Migrantenkinder, sondern der Rest der kleinverdienenden Pariser Arbeiterklasse und der Hochdruckreiniger waren kommunalpolitisch unterstützte rasante Mietsteigerungen und Chirac hatte das auch alles gut geschafft.
    Ich selbst durfte 1983 - 1985, obwohl zweieinhalbfacher Mindestlohnverdiener, in so einem Sozialviertel leben, weil Alleinverdiener: die staatliche Kinderbetreuung griff erst ab drei Jahren und das zweite Kind war zu klein. Innerhalb Paris hätten wir niemals eine passende Wohnung bekommen, als gutverdienender Serviceleiter. Le ban = der Bann, la lieue = die Meile, la Banlieue = die Bannmeile.
    So füllten sich Paris seit den 1960ern mit Bestverdienern und Besitzenden und die Vorstädte in der ersten Generation mit pendelnden Arbeitern und Angestellten, Franzosen wie Migranten. In der zweiten Generation mit jenen, die es über Ausbildung nicht hinauf, zurück nach Paris oder noch weiter hinaus geschafft hatten und mit weiteren Migranten. Und heute mit all deren Kindern, allen die noch nicht ausgestorben sind und vor allem vielen vielen Arbeitslosen.
    Wohin soll das Gesocks geblasen werden? Das lassen rechte Brutalrhetoriker wie Sarkozy gerne etwas im Nebel, aber wir haben schon so unsere Vermutungen.
    "Rübe ab"- Stimmen gibt es reichlich, natürlich besonders beim Front National, die das "schon immer gewußt haben".Auch bei uns, wenn wir uns mal die Kommentarseiten zu entsprechenden Artikeln in bestimmt nicht rechtsverdächtigen Foren wie telepolis ansehen.

    Du fickst Frankreich...
    Hau ab!

    Die Franzoesinnen den Franzosen! Jugend FN

    Es gibt auch erklärende Stimmen, von denen zwei in den Artikeln Paris IV und Paris V ausführlich zu Wort kommen.
    Es gibt die Stimme meines unpolitischen, leicht links-libertären Sohnes, der das alles irrational findet, im Teil Paris II.
    Es gibt die Stimme der Marseiller Vorstadt-RAP-Band "Psy 4 de la Rime" ("Vier Vers-Psychiater") im Refrain ihres Songs "Der Sound der Banditen" (Le son des bandits): "Ey Mann, scheiß mich nicht an. Nimm uns die Musik und Du hast einen Räuber mehr in der Boutique." Ersetzen wir hier "nehmen" durch "angreifen" und "Musik" durch "Identität", dann liefern uns diese Burschen eine Kausalkette für die Ereignisse.
    Die wichtigste Stimme soll vorerst jedoch die des Präsidenten Chirac sein. In seinen Wahlkämpfen deklarierte er, der Präsident aller Franzosen sein und den "Bruch in der Gesellschaft" heilen zu wollen. Welchen Bruch?
    Träten jetzt (hinkendes Beispiel, aber bildhaft) engagierte Feministinnen an und würden die Randale mit "Männern, Macho, Patriarchat" erklären, es wäre nicht zu einem Fünftel erklärt. Genau so wenig greift aber der Hinweis auf hauptsächlich soziale Fragen.
    Ich bin der Meinung, wir haben es hier mit vielen verschiedenen Brüchen zu tun, die dann und wann zu so einem komplett vollzogenen und auch nicht mehr kittbaren Bruch zusammenwirken. Was bewirkte den Schritt vom "bloßen" Ausschluß zur Segregation, zum Ghetto? Was hat das ansatzweise mit Deutschland zu tun, mit uns allen, und an dieser Stelle natürlich auch mit grüner Orientierung?
    Der soziale Bruch ist natürlich Wesentlich. Arbeitslosigkeit in großem Ausmaß, oft in der zweiten Generation (in den relevanten Altersgruppen und "Zonen" oft weit über 50%) ist zu nennen und die damit deutlich behinderte Selbst-Integration über Motivation und Bildung. Das kennen wir im fortschreitenden Anfangsstadium auch hier. Es gibt eine französische Besonderheit (bzw. eine deutsche Noch-Besonderheit, in dem Sinne, daß es hier noch nicht so weit ist): Der RMI (Revenu Minimum d'Insertion), die französische Sozialhilfe, greift erst ab dem 25. Lebensjahr. Kinderbezogene Unterstützung geht bis 18, spätestens 20. Die Altersgruppe der 18-25 jährigen steht finanziell total im Abseits, ohne irgendwelchen Anspruch und sei es über die Eltern (oder es sei denn, sie machen selber möglichst jung möglichst viele Kinder). Damit ist in Frankreich überall dort, wo hierzulande jugendliche Sozialschmarotzerei geortet wird, die Tür weit geöffnet zu Kleinkriminalität und mehr, und natürlich lernen das dank traditioneller Familienstrukturen auch schon 10-jährige, bei ihren großen Brüdern, auf der Straße. Es ist nie gelungen, aller "sozialer Bewegungen" zum Trotz (und deren gibt es in Frankreich viele und sehr laute, doch meist mit sehr eigenen Themen), aller (Wahl-)Kampagnen zum Trotz (auch in dem Thema meisterlich: Dany Cohn-Bendit für die französischen Grünen), diese Sozialhilferegelung zu ändern. In Deutschland werden jetzt im Rahmen der von der großen Koalition anvisierten Verschärfungen von Hartz IV die ersten Schritte unternommen, eigene Ansprüche erwachsener Jugendlicher zu eliminieren.
    Dann kommen viele ethnische Brüche : Die allgemeineren mit xenophobischem bis rassistischem Hintergrund werden vertieft durch spezifischere, hier treffend beschrieben von Hubert Lagrange in der Libération vom 4.11.05: "Die gegenwärtigen Aufstände in den Vorstädten um Paris zeigen einen tiefen Bruch, eine Bewegung von Rassentrennungen von Bevölkerungen, die aus der afrikanischen Migration hervorgingen. Die Sozialviertel sind nicht, gegenteilig zu dem, was immer gerne behauptet wird, von der öffentlichen Dienstleistung desertiert worden. Abtrünnig wurden Bevölkerungsteile mit stabilen Arbeitsplätzen (Angestellte, Zeitarbeiter, französische Arbeiter zuerst, dann dieselben Gruppen aus de Reihen der Migranten) und so blieben in den Vierteln nur noch Leute mit prekären Jobs, Arbeitlose und die Mindestqualifizierten. Es entstanden Viertel ohne jegliche soziale Mischung. Familien, die ihre Kinder im schulischen Wetteifer die Leiter hinaufziehen konnten, verschwanden. Seitdem bieten gemeinschaftliche, vor allem moslemische Assoziationen die einzige wirksame Abhilfe. Die Ethnisierung der Viertel ist in erster Linie Folge unseres durch populistische Politik ermutigten kollektiven Abganges, nicht Folge eines Rückzuges in ureigenste Identitäten."
    Eingedeutscht sage ich an dieser Stelle nur: "Russenhügel."
    Vor 30, 40 Jahren nannte man den Pariser Norden und Nordosten den "roten Gürtel" und die Kommunistische Partei Frankreichs fuhr dort im Alleingang (Warschauer-Pakt Realitäten hin, Warschauer-Pakt Realitäten her) satte Mehrheiten ein. 1984 war ich in Fontenay-sous-Bois bei einer kommunalen Weihnachtsfeier, wo der kommunistische Bürgermeister an arme Kinder Spielzeuggeschenke verteilte, unter den aus voller Kehle intonierten Klängen der Internationale. Rappelvoller Riesensaal. Damals nahm Oskar Lafontaine noch nicht an solchen Events teil. Nun hört er die Signale und nun ist das seine Vision. Nun ist deren letztes Gefecht aber auch ferner denn je und nun sind die Vorstädte Hochburgen des Front National mit 30% und mehr und stellenweise noch mehr.

    Video-Clip FN, Europawahlen 1999

    http://www.le-pen.info/clips/europeennes1999rapide.wmv

    Einfach nur staunen. Dieser clip bildet auch die Startseite der homepage mit der Ueberschrift "Le Pen hat es immer gesagt"

    Stimmen die Migrantenabkömmlinge nicht zu allem Überdruß auch noch gegen sich selber, so dürfte die Stimmung in der weißen Restbevölkerung und den Nachbarn eindeutig sein. Ist das jetzt fieser Rassismus? Ich glaube das so nicht: Es sind ja bloß Wahlen.
    Die Leute gehen nicht aufeinander los, zwischen Individuen, besonders Kindern, gibt es Kontakt. Wenn man sich mal die Heroen der französischen Fußball- Nationalmannschaft ansieht und weiß, wie diese auch in den FN- Hchburgen bejubelt wird, dann manifestiert sich einem die Absurdität des Endes der Ausschlußgesellschaft: die Gruppe der Ausgeschlossenen zerfällt in ihre Einzelteile, alle schotten sich ab aus Verlustangst des allerletzten Restes, kaum einer kann anders als völlig hilflos reagieren, die einen so, die anderen so, und doch wollen die meisten doch lediglich dazugehören.
    Es gibt kulturelle Brüche auch innerhalb der Gruppe der sich ausgeschlossen Wiederfindenden, wie Generationenkonflikte, die in jugendlichen Subkulturen ihren Ausdruck finden und wie Konflikte mit islamischen Lebensmustern: Eine junge, aus sich und aus der Not heraus entstandene Frauen-Selbsthilfe namens "Weder Schlampen noch Unterwürfige" (Ni Putes ni Soumises) arbeitet schon in 60 Orten gegen familiäre Versklavung.
    Es gibt natürlich einen großen kulturellen Bruch, den der Bonner Kulturwissenschaftler Ladenthin folgendermaßen benennt: Begründungskultur/ Erzählkultur - Wir gehören einer Kultur an, in der alles Sagen und Tun einen Grund haben muß, begründet sein soll. In afrikanischen Kulturen steht das Leben und Weitertragen im Mittelpunkt, ohne weitere Kausalitäten. Darüber denke man mal in Ruhe nach und stelle dann die großen Fragen der Integration: Wer worein und wie denn? Das ist doch im Grunde nicht vereinbar, und so läuft auch konservative Integrationspolitik mit unverzichtbarem Sprachunterricht als Mittel, aber einer hiesigen Leitkultur als Ziel, sofort in die Leere und sogar auf eine Art Gehirnwäsche hinaus. An dieser kulturellen Bruchstelle liegen auch in Punkto Multikulti die Hunde begraben, wenn nicht Leichen im Keller.
    Es gibt einen weiteren internen Bruch, den zwischen den Migrantenkindern und ihren Wurzeln: Kein Individuum, keine Gesellschaft kann gesund leben ohne Projekt und ohne Bezug zu den Wurzeln. Die Autoverbrenner haben weder Wurzeln noch Projekt, und auch diese Gefahr sehe ich hier eher noch bei den Rußlanddeutschen.
    Der die gesamte französische Gesellschaft durchziehende Bruch zwischen dem Volk und seinem Staat ist nicht neu: Viele Franzosen sind Kulturpatrioten oder Geschichtspatrioten oder was auch immer. Eines ist keiner: stolz auf den französischen Staat und obrigkeitsfolgsam. Manche Historiker führen dieses Element der nationalen Mentalitäten auf die Umsturzerfahrung der Revolution zurück. Es hinterläßt jedenfalls tiefe Spuren: Schauen wir uns mal die Demonstrationen von Landwirten oder LKW-Fahrern an. Sofort wird die Keule herausgeholt und hau drauf. Als neulich im EU-Rahmen auch in deutlichem französischen Interesse Importbeschränkungen aufgehoben wurden, stürmten französische Winzer (ihres Zeichens viele FN-Wähler) Supermärkte und zertrümmerten Regale mit italienischem Billigwein (während die anderen Winzer auf ihren Feldern waren, um mehr exportieren zu können). Und könnten die Eisenbahner nicht durch bloßes Streiken alles lahmlegen, Züge würden entgleisen. Es sind nicht immer nur die arabischen Delinquenten.
    Die Gesamtheit all dieser Brüche führte zu den Vorstadtrandalen, zu mindest zu den spontanen Anfängen. Politik, die nicht alles in's Auge fasst, wird, wie bislang, scheitern, denn mittlerweile gibt es auch bei uns den Bruch zwischen klassischen politischen Lösungen und ihren Wirkungsmöglichkeiten. Es ist integrationspolitisch unbedeutend wieviele Lehrer und wieviel Geld Paris jetzt wohin schickt. Ich wünsche den Franzosen starken Willen und einmal nur eine wirklich kluge Debatte, umsetzen können sie mit ihrem zentralistischen System quasi alles.
    An dieser Stelle sollte meine Entwicklung eines grünen Konzeptes, diesmal in deutlich fundierter Abgrenzung zum Linksbündnis stehen. Diesen Essai schreibe ich demnächst aber gesondert, denn er bedarf der Sorgfalt und würde hier nur den Rahmen sprengen. In Kürze die Grundideen: Integration kann nur im Schritt auf eine höhere Ebene gelingen. Es muß eine Leitkultur geben, aber für alle, und die kann nur übergeordnet und Leitmotiv sein. Hierfür bietet sich "nur" Europa an. Akzentuierte grüne Integrationspolitik muß deutlich versachlicht und "entsozialromantisiert" werden. Aber ohne Romantik haben Menschen keine Motivation. Die Europapolitik muß von der Versachlichung weg und hin zum Beleben einer großen Idee. Einer Idee, die auch arabische Vorstadtkinder aus Frankreich "mitnehmen" und integrieren könnte.
    Ach Du mein Frankreich, ich lieb Dich trotzdem!

    ( France, les Verts, intégration, médias, politique, société, émeutes en banlieue, extrême-droite, version francaise, Sarkozy )

  • [V.F. dispon.] Paris II: "Es lebe das Feuer, es leben die Verrückten!" (09.11.05)

    Übersetzung einer kleinen Einschätzung meines 26-jährigen Sohnes, der im nord-östlichen Lille lebt, stellenweise von mir kommentatorisch erweitert, plus ein gelungener taz-Kommentar über Gewalt in Bildern.

    Es lebe das Feuer, es leben die Verrückten!

    Das ist der Titel eines Liedes der "Béruriers Noirs", einer französischen Mistic-Punk-Band der 1980er.

    Nun, Folgendes beobachte ich:

    ... Ich wohne in einem sehr arabischen Viertel, allerdings in einem ruhigen. Die jungen Leute hier diskutieren das andauernd, aber ohne zu sagen, das ist gut oder schlecht. Es ist eher die Art von "eh Leute, was war gestern los, wo brennt's heute?... ey, ich hab die Jungs von Dingsda gesehn, die haben gesagt, die Cousins von Dangsdi, die wollen heute da und da die Kisten anzünden, usw..."

    ... Montag abend gegen 23 h habe ich ein Auto brennen sehen, in einer Seitengasse in einem ruhigen Viertel. Ich hab die Feuerwehr angerufen und bin weitergegangen.

    ... Ein Arbeitskollege, der in einem wirklich heißen Viertel von Roubaix aufwuchs und der regelmäßig mit Schlägern zu tun hat, der hatte, sagt: Weißt Du, warum sie die Kleinen in die Randale schicken? Die hoffen nur eins, nämlich daß einer davon von den Bullen umgelegt wird. Polizeimord an Kindern! Das hoffen die."
    Das ist eines der abstrusesten Elemente solcher Vorgänge: Diejenigen, die am Wenigsten damit zu tun haben, werden am meisten benutzt.

    ... Für mich ist alles reine Provokation, einfach und gewalttätig. Chaotisch. Irrational. Anfangs spontan, jetzt aber mehr und mehr geplant.
    Und leider vermute ich das auch: Nicht nur von einzelnen mediengeilen Spinneren geplant, sondern auch von Sozialbewegern aus der anarcho-linksradikalen Ecke. Internet- Verabredungen sind meines Wissens nicht der Stil von Vorstadtdealern.

    ... Wenn es ruhig wird, es wäre kein Schlag ins Wasser gewesen. Ich glaube, viele Sozialmaßnahmen sind beschlossen.
    Aber das war schon öfter so und Geld floß auch. Es nützt nichts, wenn die Aktionen kein Schlag ins Wasser sind, aber die Sozialmaßnahmen (will sagen, die Integrationspolitik) einer wird

    ... Wenn es so weitergeht und schlimmer wird, werden sie die Armee schicken müssen. Bürgerkrieg? In Frankreich? Wenn es das braucht, um die Leute zum Denken zu bringen, mannomann!

    ... vergiß nicht, die Rolle der Medien in all dem anzusprechen, und der französischen Politiker, die von jeder Situation zu profitieren versuchen, um die Stimmen des Volkes noch zu gewinnen.
    Alle sind hierzulande zu unbekannt, auf drauf einzudreschen, aber wir kennen diese Phänomene.

    ... Ich empfehle Dir, diesen Film anzusehen, von Mathieu Kassovitz: "Der Hass." Der ist ungefähr zehn Jahre alt und gibt vielleicht Antworten. Ich erinnere hauptsächlich die Schlußworte: "Bis hierher ging alles gut."
    Dazu hier die deutsche taz:

    Die Bürger sind schockiert - dabei ist die Gewalt längst Ritual

    Sind es die Feuerbälle, wenn Autos auf den Straßen zu Wracks abfackeln? Die Vermummten, die einer Mauer von kampfuniformierten Polizisten gegenüberstehen? Oder doch die brennenden Schulen? Welche der nun schon seit 11 Tagen in heavy rotation gesendeten Bilder der Krawalle in Frankreichs Städten haben das schockierende Potenzial, von dem so schnell die Rede war? Das die Regierung zur Legitimation eines Durchgreifens "in aller Härte" interpretiert?

    Tatsächlich irritierend ist keines der Bilder. Ihr Inhalt ebenso wie der Alarmismus, den sie auslösen, sind längst ritualisiert. Ihre Bedeutung liegt weniger im Schock, sondern in der Weiterführung einer Erzählung, über die sich die französische - westlich zivilisierte - Gesellschaft seit Jahrzehnten konstituiert.

    Spätestens seit 1995, als der Regisseur Mathieu Kassovitz mit seinem "Cannes"-prämierten Film "Hass" 24 Stunden aus dem Leben dreier Einwanderer-Jungs aus der Pariser Vorstadtsiedlung "Cité des Muguets" erzählt hat, sind die Bilder von Straßenschlachten in den Banlieues sogar ästhetisiert in den Diskurs eingegangen. Nichts anderes als unsinnig sind deshalb auch jene Kommentare, die in den aktuellen Krawallen den Film wirklich geworden sehen. Vielmehr wird die scheinbar so ziellose und politisch unmotivierte Gewalt in eine soziale Erzählung eingewoben. Die Filmbilder spiegeln, ebenso wie die aktuellen Bilder der Krawalle, die Strukturlogik der Gesellschaft. Im Unterschied etwa zur bundesdeutschen benötigt die französische die ausgestellte Differenz, um im Kern den gemeinsamen Entwurf der stolzen "Nation" zu leben. Ein Prolet wie Gerhard Schröder als Präsident? Unvorstellbar.

    Nirgendwo sonst in Europa spiegelt sich, wenig verwunderlich, dieses Prinzip in der Besiedelung, in der Differenz zwischen zwischen Stadtzentrum und Peripherie. Dass daraus gesellschaftliches Konfliktpotenzial entstanden ist, dass Differenz nicht mehr nur identitär, sondern bedrohlich ausgestellt wird, ist eine Botschaft der aktuellen Bilder. Seit Mitte der 90er-Jahre sprechen sowohl Politiker als auch Soziologen von "Ghettos", nicht mehr von Vorstädten. Die Banlieues, einst Arbeitersiedlungen, sind seither einer Exklusion unterworfen, die über den sozialen Regelfall hinausgeht. Nicht räumliche Ausgrenzung alleine, sondern die Viktimisierung der Bewohner dient letztlich dazu, Arbeitslosigkeit und Armut als Problem der "Überflüssigen" (Heinz Bude) zu denken statt als Strukturlogik der Gesellschaft.

    Die randalierenden Jungs in den Trabantenstädten, die sich mittlerweile - und das ist durchaus neu - frankreichweit solidarisieren, sind eben keine Subkultur, die nach ihren Regeln in einem "rechtsfreien Raum" (Innenminister Sarkozy) der Banlieues leben. Sie sind Teil der Kultur, sie sind sichtbar und stellen gerade in den eruptiven Gewaltexzessen ihre Sichtbarkeit aus - am Wochenende zum ersten Mal sogar im Zentrum von Paris. Die Konstruktion eines "rechtsfreien" Raumes spiegelt dabei weniger die Realität - die Rebellen bewegen sich schließlich, wie die Festnahmen zeigen, im französischen Rechtsraum -, sondern dient dem Stärkeren, dem Staat.

    "Jusqu'ici tout va bien !", lautete Kassovitz' Leitfaden (und Kommentar zur Gesellschaft, wie er interpretiert wurde), "bis hierher ging alles gut". Jetzt ist die Mehrheitsgesellschaft am Zug. SUSANNE LANG

    ( France, médias, émeutes en banlieue, pouvoir des images, Kassovitz, société, tageszeitung, Libération )

  • [V.F. dispon.] Paris III: Zu alt für Jugendkulturen? Die taz und die französischen Rapper (16.11.05)

    Die taz öffnet auch Raum für redaktionslinien- unabhängige Kommentare, doch sind auch die auf ihre Art "taz". Und manchmal tun die richtig weh. Nichts ganz so weh vielleicht wie meine Ohren, wenn RAP- Musik erschallt, um die es am 7.11.05 in einem Kommentar des Herrn Martin Reichert im Zusammenhang mit den Vorstadtrandalen in Frankreich ging.

    Gerne beklagt man auf den Kulturseiten bitterlich und mit Recht das Verschwinden bzw. Seltenwerden authentischer Jugendkulturen (s.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Jugendkultur ), solcher, die "von unten" entstehen um ein eigenes Lebensgefühl auszudrücken, das in der vorgefundenen Kultur nicht ausdrückbar zu sein scheint. Teile einer jeglichen solchen Jugendkultur werden immer von der Kommerz-/ Konsumgesellschaft aufgesogen, aber doch unterscheiden sie sich deutlich von den seitens interessierten Industrien "im Labor" erstellten und dann als "kultig" vermarkteten Produkte. Sowohl was die Akteure, das "Publikum", die Art der Verbreitung, die Inhalte und deren Bedeutung für die Teilnehmer angeht.

    Der französische Vorstadt- RAP ist so eine Jugendkultur. Er entstand etwa zu der Zeit, wo der amerikanische hip-hop deutlich auf die kommerzielle Schiene persönlicher Selbsdarstellung ging, und Kulturspezialisten können bestimmt Erklärungen dafür finden, warum ausgerechnet dieser Musik- und Sprachstil Eingang in die französischen Ghettos fand. Setzt man sich mit dem staccato provokativ vom melodiösen Französisch und den Sprachen im Elternhaus ab? Hat das gar etwas mit afrikanischen Wurzeln zu tun, obwohl in den entsprchenden Stadtvierteln auch Weiße durchaus dabei sind? Herrn Reichert interessieren andere Fragen. Er stellt zunächst richtigerweise eine zumindest lokale Verbindung zwischen dem RAP und den Randalen fest, und dann wird sein Kommentar so abgrundtief elitär und so toatal daneben, daß ich ihn hier in Gänze zitiere, anschließend nur kurz kommentiere und meinen Kommentar mit einem RAP- Text aus Marseille beschließe:

    "Die Rapper klagen an - doch das ist nur eine Pose

    "Frankreich ist eine Schlampe, vergiss nicht, sie zu ficken, bis sie erschöpft ist. Man muss sie wie eine Hure behandeln, Mann. Ich richte mich an meine Brüder, die am Existenzminimum leben. Wir dürfen uns nicht weiter entwickeln, weil wir schwarz sind" - so rappt Monieur R alias Richard Makela auf seiner im März erschienen Platte "Politiquement Incorrect", woraufhin er von der regierenden UMP verklagt wurde. Der gebürtige Belgier mit kongolesischen Wurzeln, aufgewachsen in der just in Flammen stehenden Pariser Banlieue, hat somit erreicht, was er wollte: Aufmerksamkeit. Plattenverträge. Macht, Geld und Sex - willkommen in der westlichen Welt.

    Er hat sich selbst geholfen, aber seinen "Brüdern" aus den Vorstädten, ganz zu schwiegen von seinen mehr durch ihn als durch den angeblich faschistischen Staat unterdrückten Schwestern, hilft er damit nicht. Während seine Musik authentizitätsverpuffend in den Kreislauf des kommerziellen Kulturbetriebs integriert wird, bleiben den gestressen Brüdern in Clichy-sous-Bois nur ein paar Reime, die denkbar ungeeignet sind, etwas aus ihrem Leben zu machen.

    Auf dicke Hosen machen und gleichzeitig in verheultem Selbstmitleid zerfließen. Vor lauter Angst auf alles eindreschen, was vermeintlich noch schwächer oder minderwertiger ist: Frauen, Schwule, Juden - alles Schlampen und Opfer, die wahlweise in den Arsch gefickt (Sido) oder vergast werden müssen (Bushido). Musik in den Ohren verwöhnter Mittelstandskids, die damit vorübergehend ihre Eltern und Lehrer provozieren. Später dann machen sie Abitur, heiraten eine nette Frau und schließen einen Bausparvertrag ab - und schwelgen bei schweren Rotweinen in Erinnerungen an ihre wilden Jahre.

    Nicht jeder Jugendliche in der Pariser Banlieue hat die Chance, einen Plattenvertrag zu bekommen. Ihre Chance besteht vielmehr darin, die breiten Boulevards, die sie von Paris Centre-Ville mit seinem glitzernden Wohlstand trennen, zu überqueren, und sich dort einmal umzuschauen. Sie werden feststellen, dass es dort mehrheitlich Frauen gibt, die keineswegs wie Schlampen behandelt werden wollen, sondern ihrem Beruf nachgehen, Schwule, die sich längst aus ihrem Refugium Marais herausgewagt haben und in der Mitte der Gesellschaft leben.

    Sich weiterentwickeln bedeutet eben auch, eigene Positionen zu hinterfragen und nötigenfalls über Bord zu werfen, inklusive angeblich weiser Ratschläge greiser Imame und pseudopotenter Posen angeschwollener Rapper. In Deutschland wie in Frankreich ist die Mehrheitsgesellschaft aufgefordert, diesen Neugierigen die Hand zu reichen, anstatt durch Plattenkäufe vordergründig zu fraternisieren.

    Die Herren Rapper und ihre Fans sind aufgefordert, ihre ohnehin bereits auf Halbmast hängenden Hosen runterzulassen: Zeigt mal, was ihr wirklich habt und könnt. Vielleicht geht Frankreich dann freiwillig vor euch auf die Knie. MARTIN REICHERT"

    Im französischen wikipedia sind unter "hip-hop francais" weit über 200 Bands gelistet. Im Laufe vieler Jahre haben es vielleicht ein paar von denen geschafft, in dokumentarischen Nischen im TV mal mehr als einige Worte stottern zu dürfen. Noch ein paar mehr verkaufen wohl "richtige" Platten. Die "Fans" die die Songs auch mitsingen können, sind sehr sehr jung, auch weiß, und haben ihr "lebenslänglich" wohl größtenteils schon bekommen. Ein Sänger der unten zitierten "Psy4", 1995 gestartet und 2002 die erste CD, präsentiert in einer Dokumentation stolz seine Frau, sein Baby und seine eigene Zwei-Zimmerwohnung. Damit, Herr Reichert, meint er keine Eigentumswohnung, wie das in etwas höherfliegenderen Kreisen wohl vermutet wird, sondern daß er nun die Miete selber bezahlen kann und nicht mehr mit Kleinfamilie bei den Eltern haust, in deren Bruchbude.

    Wenn Sie, Herr Reichert, über verwöhnte Mittelstandskids schreiben, die auf dicke Hose machen, mit ihren Bausparverträgen und rotweingeschwelgten Erinnerungen, über wen reden Sie da eigentlich? Über die eigene hard-rockige Jugend? Dann machen Sie doch lieber eine Autobiografie anstelle von Bewertungen fremder Jugendkulturen, und wenn man selber schon keine qualifizierte Meinung zustandebringt, dann sollte man das Leuten mit gerade mal Hauptschulabschluß auch nicht vorwerfen, genausowenig wie deren Träume von Frau, Kind, eigener Bude und eigenem Auto. Auch wenn letzter Wunsch im aktuellen Zusammenhang etwas absurd erscheint, was vielleicht auch ein wenig die Bestürzung sehr vieler Migrantenkinder erklären kann.

    ORIGINAL

    Psy4 de la Rime: "Le son des bandits" (Sound der Banditen)

    Einbruch mit unverhüllten Gesichtern

    (4 Stimmen) 1. Stimme

    Nichts mehr zu verlieren,
    sicher,
    aber das muß mal was bringen,
    Scheiße nochmal.
    Die Ohren sollen aufgehen
    durch meine Wut.
    Wir haben's Euch gesagt:
    Geht dem RAP nicht auf den Geist.
    Jetzt brennt's bei mir durch,
    Hoch die Hände!
    Bevor ich einen umniete,
    hört mir zu:
    Ich nehme keinen Alkohol
    um meine Sorgen zu ertränken, denn ich weiß,
    der Rettungsring des Teufels
    bringt sie wieder nach oben.
    Das Leben
    ist nur auf Bewährung,
    die Vollstreckung wartet.
    Mein Wort ist wie ein Schwert
    das mir die Halsschlinge schneidet,
    die meiner Gewissensbisse.
    Und dann die Tränen meiner Mutter,
    ihr Serum,
    meinen Tod zu verzögern.
    Und wir werden kämpfen,
    kämpfen gegen wen,
    kämpfen aber wo?
    Kämpfen um zurückzukommen,
    oder nicht kämpfen,
    alles stoppen.
    Stoppen, diesen Zug stoppen,
    in dem ich seit 17 Jahren fahre.
    Zum Kotzen.
    Wenn der Kontrolleur kommt und
    die Leute rauswirft.
    Ihr erzählt viel vom Erfolg,
    und wenn ich das falsch verstehe,
    vergiß es, Mann.
    Aber ich vertrete die Brüder
    high unter Bildern von Tracie Chapman.
    Hier im Süden
    haut die Wut genauso rein wie die Sonne.
    Man verliert sich drin.
    Die jungen Leute machen Wettlauf mit der
    Langeweile.
    Sie warten auf den Heiligen Petrus.
    Ich halte die Klappe,
    aber ich leide.
    Und ich will Bilder sehen
    auf der Mauer der
    Sorglosigkeit.

    Refrain:

    Scheiß uns nicht an, Mann,
    nimm uns die Musik,
    und Du hast einen Einbrecher mehr
    in Deiner Boutique.

    ....

    (3. Stimme):

    Für die Liebe eines Volkes,
    für Liebe die Zeichen gibt,
    für die Liebe einer Jugend,
    für die Liebe die Du ohne Geld fühlst,
    fühlst,
    aber mit soviel Reichtum, daß
    ich wie ein Mann rappe.
    Besoffen auf dem Balkon, aber
    ich hab nichts zu verlieren.
    Also hört auf rumzuschreien mach keinen Scheiß,
    ich pisse drauf.
    Wie Sako will ich den Traum leben,
    nicht das Leben träumen.
    Wenn leben arbeiten sein soll
    will ich Streiks leben.
    Blitz sein in Eurem blauen Himmel,
    ganz ohne Wolken.
    Stern will ich sein für alle mit
    Qualm anstelle von Wolken.
    Darum habe ich ihn in den Wolken,
    den Kopf.
    Ich seh das nicht ein, daß unser Erfolg
    suspekt sein soll.
    Ich halte den Kopf oben, so wie der
    Tod von Coluche nicht schlimm war,
    ich bin kein Straußenvogel.
    Auch wenn zu viele Kumpel schon
    im Himmel sind, es gibt
    zu viele Möglichkeiten.
    Das Glück, diese Nutte, könnte es doch im
    Dunkel ein Leuchtkäfer sein.
    Anstatt uns glauben zu machen,
    eines Tages klingelt sie an.
    Mir hat man so viele Versprechen gemacht, daß für mich
    alle mit ihren langen Nasen fechten.
    Es ist unsere erste CD und vieles läuft noch nicht.
    Wir sind jung,
    wir haben Zeit die Leute
    zu überzeugen.
    Ich werde kein Koch werden.
    Sozusagen alles schon gar gekocht!
    Die CD wird heftig, weil Psy4, alle reden davon,
    Psy4 ist im Rennen.
    Ich brauche Kohle, aber im Geschäft
    kann die Wahrheit Dir das nicht bringen, aber glaub mir,
    ich werde nicht durch die Nase atmen
    vor Angst, das Maul aufzureißen.
    Salem (Nr.2), sag ihnen, daß ich derselbe bleibe.
    Immer von den Leuten erzähle die ich liebe,
    die mich lieben.
    Wir brauchen keinen Clooney, um zu wissen,
    daß es hart ist.
    Der RAP steht direkt vor mir und
    ich schwör Dir, ich mache das.

    Refrain

    Scheiß uns nicht an, Mann,
    nimm uns die Musik,
    und Du hast einen Einbrecher mehr
    in Deiner Boutique.

    ( France, rap, psy 4 de la rime, émeutes en banlieue, rappeurs, médias, tageszeitung, Libération, culture de jeunes, jeunesse, version francaise )

  • [V.F. dispon] Paris V: Vergangenheit, Gegenwart und Politik (08.11.05)

    Übersetzung des Artikels von José Peres Baptista, Präsident von La e-Cité ( http://www.laecite.org/ ), einer informativen und sozialen internet-Dachorganisation. Entnommen aus europe&us, einem politischen und kulturellen französischen Blog professioneller Autoren.
    Artikel: http://www.europeus.org/archive/2005/11/08/passe-present-politique-la-regle-des-trois-p.html

    Anmerkung zum besseren Verständnis: Kurze (zB wikipedia) Nachforschung zum französischen Mehrheitswahlrecht auf allen Ebenen sowie zur Zeitgeschichte der frz. Demokratie bzw. aller Umstürze oder neuen Verfassungen empfiehlt sich für erstaunte Freunde dieses Essays. Ebenso Kenntnisnahme vieler Wahlergebnisse der letzten Jahre, wo fast 30% der Wähler entweder (die meisten) rechtsextrem oder linksrevolutionär gegen das gesamte System stimmen. Diese wohl politisch unfreiwillige aber wirksame Allianz war auch die wesentliche Grundlage der Ablehnung der EU-Verfassung und macht die Beschwörungen des Autors erklärlicher sowie unsere Erinnerungen an "Weimarer Verhältnisse" einer Demokratie ohne Demokraten bzw. einer Republik ohne Republikaner, wie die Franzosen sagen würden, wieder wach.

    Der Artikel:

    Nach einem Austausch mit meinem deutschen Freund Kai Littmann, wo ich ihn nach der Wahrnehmung in Deutschland über die französische Situation im Rahmen der aktuellen Unruhen fragte, komme ich zu dem Schluß, daß die tiefliegenden Gründe solcher Ereignisse immer politischer Natur sind. Die Deutschen verstehen unsere Situation nicht; sie stehen davor mit Erstaunen und mit Angst. Um die Ursachen dafür zu verstehen ist es nützlich, beide politischen Systeme in Parallelvergleich zu setzen.

    Das deutsche politische System ist deutlich repräsentativer als das unserige. Jede Kraft über 5% ist, national, regional und kommunal, repräsentiert. So kommt es, daß unzufriedene Bürger dort relativ leicht politische Foren zum Ausdruck ihrer Unzufriedenheit finden können. Sie sind gehört. Hier liegt der wesentliche Unterschied. Nicht weil die Deutschen demokratischer wären als die Franzosen, sondern weil ihr politisches System Lehren aus der Vergangenheit gezogen hatte. Öffentliche Verelendung und Nicht- Repräsentiert- Sein hatten Deutschland in den Nazismus geführt. Das hat man dort nicht vergessen. Wenn wir in Frankreich aus der Krise, die wir durchqueren, herauskommen wollen, müssen wir den selben Schritt unternehmen. Es wäre auch gerechter, die Krisen beim Namen zu nennen, denn die Befunde sind ernst, in allen Winkeln unserer Gesellschaft. Die Krise ist politisch, institutionell, sozial, ökonomisch und sie ist auch individuell, familiärund kollektiv. Wie wollen wir in dieser Situation richtig weiterschreiten? Sehen wir uns die drei "Vergangenheit, Genwart und Politik" an, als analytische Methode.

    Vergangenheit: Frankreich hat zu keinem Zeitpunkt seine koloniale Vergangenheit korrekt verlassen. Dieser Teil der Geschichte hat sich in einen "institutionellen Rassismus" umgewandelt. Die eine und unteilbare Republik, auf deren Rathausgiebeln wir "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" lesen, war noch nie vollständig respektiert und ist es auch immer weniger, auch und vor allem durch unsere politischen und wirtschaftlichen Führer. Unser Land hat nie gezögert, ausländische Arbeitskraft hereinzurufen, besonders nach dem Krieg aus Afrika. Durch die Arbeit hat sie den Integrierten die Freiheit gebracht, doch nie die Gleichheit und die Brüderlichkeit.

    Sie wurden in Siedlungen geparkt, in Stadtvierteln, wo die einzige Brüderlichkeit die ihrer Gemeinschaft war. Die einzige erlebte Gleichheit kam immer, wenn es an's Bezahlen ging: ihr Geld hatte nicht die Farbe ihrer Haut. Die vergangenen Jahrzehnte brachten eine Verschlimmerung der Diskriminierungen, auch wenn aus wahltaktischen Gründen massiv Geld "eingespritzt" wurde. Jene die man zu bauen rief, ein Land wiederaufzubauen, in dem sie Würde gewinnen sollten, haben lediglich ihr Überleben gewonnen. Und selbst das erscheint einer Mehrzahl ihrer Kinder und Enkel unerreichbar. Doch die Gegenwart, das sind gerade die: aus solchen Bevölkerungsteilen kommen die Aufständischen.

    Gegenwart: Die "soziale Vermischung", das gegenseitige koedukative Durchdringen, findet nicht statt. In manchen Vierteln ist es nicht selten, daß alle Schüler einer Klasse einer selben ausländischen Herkunft angehören, während bestimmte Schulen jedem Bürger ohne passendem Gesicht oder Adresse unzugänglich sind. Die republikanische Schule, die ihnen Gleichheit bieten sollte, hat sich in eine regelrechte Ausschlußmaschine gewandelt, vom jüngsten Alter an. Hört man heute gewisse sogenannte Spezialisten sagen, sie könnten schon in den Kindergärten potentielle spätere Delinquenten ausmachen,, so offenbart das willkürlichste Segregation. Nur autoritäre, totalitäre und rassentrennerische Systeme benutzen solche Methoden. Diese Flucht nach vorne hat zum "Niedergang Frankreichs" geführt. Dieser Ausdruck, den ich übrigens wegen seiner Tendenz zur Selbstgeißelung nicht ertrage, hat für mich eine einzige Berechtigung: der französische Niedergang existiert nur in einem Bereich - dem der Politik.
    Wie soll die Gleichheitsidee akzeptiert werden, wenn sie schon durch die Macht der Bilder bestritten wird? Wieviele arabische, schwarze oder chinesische Moderatoren auf den Bildschirmen unseres öffentlichen Fernsehens? Wieviele Abgeordnete? Wieviele Minister? Welche Perspektive biete eine theoretisch allen zugängliche Schule, wenn sich kein Beweis eines hypothetischen beruflichen Erfolges zeigt? Arbeitgeber haben sich in (steuer)freien Zonen angesiedelt aber wie viele der örtlichen Anwohner haben sie eingestellt?
    Was die Macht der Bilder zeigt, vor allem, was sie nicht zeigt, hat für diesen arbeitslosen Teil der Bevölkerung eine viel höhere Bedeutung, denn sie haben ja umso mehr Zeit, das anzuschauen. Sofern man nicht formatiert ist, sind die Ungleichheiten schreiend. Wenn die Politik der Medien daran festhält, die Kameras auf das zu richten, was gesehen werden soll, und alles andere total ignorieren, gibt es dramatische Resultate. Alle Ausgeschlossenen unserer Gesellschaft sind per se das, was nicht gesehen wird. Sie entschlüsseln das gezeigte Bild mit dem, was nicht gezeigt wird und erleben sich selbst als unsichtbar. Sie stellen fest, daß das einzige Mittel, um im Bild zu erscheinen, das "besondere Ereignis" ist. Heute sehen wir alle, wohin das führt. Die Arbeitslosigkeit, das größte Drama der französischen Gesellschaft, erscheint bloß in Statistiken. Nicht eine Vertretung von Arbeitslosen in entsprechenden entscheidenden Gremien gibt es. Für diejenigen, bei denen sich Handicaps häufen, sind die Ausschlüsse mehrfach: sozial, beruflich, aber auch politisch.
    Um das Sichtbarwerden all dessen zu vermeiden, wurde das politische System auf noch ungerechtere Weise verändert, indem die Schwelle des Vertretenseins angehoben wurde. Von ertragenem Ausschluß ist man übergegangen zu entschlossener konstitutioneller Arroganz. Das wurde von den betroffenen Bevölkerungsgruppen als eine Fortentwicklung ihrer Behandlung angesehen, als ein Gleiten vom Ausschluß zur Rassentrennung. Der Begriff ist heftig, aber er passt. Nicht nur, daß man nicht mehr integriert oder assimiliert, man verurteilt sie zum Schweigen, bevor man strafrechtlich verurteilt für Akte der Revolte oder des Überlebens.
    Die Anhäufung der Diskriminierungen hat so zum Einbruch eines Systems geführt, das keiner mehr wollte. Der Mangel an Bildinhalten brachte einen Spiegel zum Bersten, der nur noch Lichtreflexe zurückschickte. Man hat das Thermometer zerschlagen, weil man das Fieber nicht mehr sehen wollte. Wie aus dieser Sackgasse herauskommen? Durch Politik.

    Politik. Ich verstehe unter Politik das Spiel, welches darin besteht, die öffentliche Meinung und die Bevölkerung zu respektieren, nicht jenes, in dem es um Thronbesteigungen durch Elimination von Gegnern geht. Die französische Wirtschaft ist im Gegensatz zu manchen Behauptungen nicht defekt. Noch nie wurde so viel Reichtum produziert, noch nie soviel Gewinn eingefahren und noch nie gab es soviel Ausschluß. An dieser Stelle sollen nicht die Erfolge bestraft werden. Es geht darum, die kollektive Verantwortung einzufordern. Ist das zuzulassen, daß ein Unternehmen massiv entläßt, wenn doch die Betriebsergebnisse Einstellungen ermöglichen? Es geht auch nicht darum, Unternehmen zu behindern, sonder darum, daß auf nationaler Ebene eine Vertretung existieren muß, aller Kategorien und Personengruppen, die entscheiden soll, ob solche Ereignisse im nationalen Interesse sind oder nicht.
    Die französische Solidarität ist auch nicht kaputt. Die Franzosen sind heute so solidarisch wie nie, wenn man sie dazu aufruft. Jedes Jahr werden Rekorde aufgestellt. Bei jedem internationalen Grund (erinnern wir uns an den Tsunami) zeigen die Franzosen ihre Großherzigkeit und diese Großherzigkeit ist nicht selektiv. Die Probleme, mit denen wir es zu tun haben, beweisen also nicht einen Mangel an Solidarität, sondern eine ungleiche Verteilung zwischen den Kategorien "öffentliches Gut" und "nationaler Reichtum".

    Wie die Situation entschärfen? Politisches Denken existiert nicht mehr. Das Parlament repräsentiert nicht mehr das Volk und die Institutionen, ob politisch oder medial, drücken nicht mehr die Lebensrealitäten und nicht die Bedürfnisse der Bürger aus. Wäre dies der Fall, man hätte die zahlreichen Warnungen in Betracht gezogen: 21. April 2002, 29. Mai 2005, etc. Ich selbst warne schon lange, daß ein größer werdender Teil unserer Bevölkerung, nirgendwo vertreten, nichts mehr zu verlieren hat und deren Wut kocht. Es ist heute schon zu spät, so sehr hat die Abkapselung unserer Führer diese zu Arroganz und Verachtung geführt. Die Aufstände sind nicht tolerierbar. Wenn wir auf der Asche unseres gegenwärtigen politischen Systems etwas aufbauen wollen, muß die Ordnung zurückkommen. Wenn keine starke Botschaft von Verstandenhaben geschickt wird, so wird der Einsatz der Staatsgewalt, so unerwünschlich das auch sein mag, unvermeidlich. Unsere Republik kann sich nicht verspotten lassen und unsere Mitbürger, die eh nur mit Mühe eine Zukunft anvisieren können, können ihre Gegenwart nicht ungestraft zerstören lassen. Die Phänomene zu verstehen kann nicht bedeuten, sie zu tolerieren. Jedoch wäre es unbedacht und gefährlich, wenn diese Aufstandsbewegung sich nicht in eine politische Bewegung wandelte. Noch einmal den Dreck unter den Teppich zu kehren führt zu einer Implosion des zivilen Lebens. Die Revolte gegen die Staatsmacht würde in Konfrontationen zwischen Bürgern enden. Um solche Eskalation zu vermeiden, muß die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten werden. Es braucht politisches Bewußtsein, um zu erkennen, daß unser Land sich am Rande eines Bürgerkrieges befindet zwischen jenen, die haben und denen, die nichts haben. Mai 1968 führte zu einer großartigen politischen Öffnung, zu schnell vergessen von jenen, die die Macht erlangten, nachdem sie sie gestürzt hatten. Heute sind sie es, die drauf und dran sind zu stürzen.

    Die Lösung gibt es nicht, zumindest gebe ich nicht vor, sie zu haben. Doch die Mittel, die existieren: unser gesamtes institutionelles System wieder eingehend zu überprüfen. Die runden Tische, die Vielzahl von Kommissionen, eingerichtet nur um die vom Wahlrecht Verdrängten wieder unterzubringen, das alles hat nichts gebracht. Machtkonzentrationen haben zu Blindheit geführt und zum zügellosen Rennen um den höchsten Posten. Die Beschleunigung des Wahlkalenders hat nur zu einer Vielzahl abtötender Phrasen geführt und zu medialen Tiefschlägen. Die Presse, konzentriert und in ihrer Mittelmäßigkeit einstimmig, reflektiert nicht mehr das Leben der Bürger, sondern den Kram dieses oder jenes potentiellen Präsidentschaftskandidaten.

    Man muß dem Volk die Macht zurückgeben. Die Lage ist ernst und diese Notwendigkeit ist sofortig nicht erreichbar, da die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten bleiben muß, doch muß das nächstens durchgesetzt werden. Dem Volk muß die Möglichkeit realer Repräsentation zurückgegeben werden, damit der katastrophale Zustand unserer Gesellschaft auf höchster Entscheidungsebene festgestellt und analysiert werden kann. Es reicht nicht, Gesetze anzuhäufen, sondern deren Umsetzung von allen für alle zu erlauben. Die Nationalversammlung auflösen, eine Regierung der nationalen Vereinigung vom Typus einer großen Koalition bilden (Anmerkung: Gemeint ist hier der "große Wurf", den Frankreich schon mehrfach schaffte, nicht etwa Namensähnliches aus unserem Lande), die Repräsentanzschwelle wie vom Mehrheitswahlmodus auf wie in Deutschland 5% senken, Artikel 49-3 beschneiden, der es Regierungen erlaubt, das Votum des Parlamentes zu übergehen. Das wären gute Anfänge, den Bürgern Sicherheit zu geben, daß sie ihr Wort mitzureden haben bei allen sie betreffenden Entscheidungen. Politisch gesehen würden solche Schritte den Bürgern die Hoffnung zurückgeben, auf die Zukunft Einfluß nehemn zu können. Dieser grausame Mangel prägt einen immer größer werdenden Teil von uns: das Fehlen von Zukunftsperspektive. Die Politik muß dem Volk zurückgegeben werden. Man muß ihm wirkliche Macht zurückgeben, damit es sich diese nicht mit Gewalt verschafft und ein "Chef" uns in einen Faschismus führt, der bloß eine Weiterentwicklung des gegenwärtigen Regimes wäre. Der Preis ist nicht zu hoch: das Ende der republikanischen Monarchie.

Täglich Berichte der afrikanischen AFP- Korrespondenten deutsch & FRANCAIS:

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+-+-+-+-+ Banner EE auf deutsch Banner Brief Die dicken Hintergrund- Pakete, mit vielen Übersetzungen afrikanischer Quellen: 08dez08Straßburg(REUTERS-Sebastien Pirlet) Mein schönster Blogartikel, mit vielen Weblinks, zur Lage der Frauen im Krieg: Banner Alice deutsch

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von Bertrams aus Het Parool(Amsterdam) 0903JoepBertrams Patrick Chappatte (Suisse) – Le Temps (Genève) – 3 février 2007 eattherichtheyneedit G-20 Superheros
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