"In den Vorstädten: Alltägliche, ethnische, räumliche, soziale und arbeitsmarktbedingte Diskriminierungen."
Online-chat (ORIGINALVERSION) der französischen Zeitung Libération (in etwa wie die taz) mit Véronique Bordes, Forschungsbeauftragte des CREF (Forschungszentrum Erziehung und Bildung/ Centre de recherche éducation et formation) der Universität Paris X - Nanterre, sowie Co-Autorin des Buches "Alternative Jeunesse".
Der Chat fand in der ersten Woche der Unruhen statt.
Fragen:
1. angèle: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für soviel Arbeitslosigkeit in den so genannten "sensiblen Zonen"? Liegt das am Scheitern in der Schule? Und wenn ja, was sind denn die Gründe für diesen schulischen Mißerfolg im Vergleich zu anderen Gebieten in Frankreich?
2. momo: Guten Tag, ich wohne in Mantes und habe ein Abitur + 4 (=Jahre höherer Studien) und ich suche Arbeit im Bereich "menschlicher Beziehungen". Ich finde nichts, aus verschiedenen Gründen. Sicherlich wegen Diskriminierung, aber das ist nicht alles. Heute hat man mir sogar gesagt, ich sei überdiplomiert. Wie kann man diese Mentalitäten ändern?
3. kiko: Glauben Sie nicht, daß diese Vorstadtphänomene von der politischen Klasse schlecht angepackt werden? Man übt zuviel Druck auf die Jugendlichen aus und nicht genug bzw. gar keinen Druck auf die Eltern, die doch verantwortlich für die Erziehung ihrer Kinder sind.
4. seb: Wie könnten Sie die Verhältnisse zwischen den Jugendlichen und den Einrichtungen und Institutionen beschreiben?
5. seb: Was soll finanziert werden? Dasselbe wie immer, also Schulen, Verbände, Sportplätze, neue stadtpolitische Projekte ...? Das funktioniert doch nicht.
Antwort 1: Ich habe keine Vergleiche gezogen zu anderen Regionen in Frankreich. Meine Arbeit beschäftigt sich mit dem Departement Seine- Saint-Denis (Pariser Nordosten). Nicht alle Kinder scheitern in der Schule. Manche studieren sogar und bekommen Abschlüsse und dennoch finden sie keine Arbeit. Einige junge Absolventen erklärten uns, ihre Diplome seien bei der Stellensuche sogar kontraproduktiv.
Die Forschungsarbeit hat aufgezeigt, daß gewisse französische Einrichtungen und Betriebe junge Menschen mit Immigrationshintergrund nicht in Schlüsselstellungen beschäftigen möchten, sondern nur subaltern. Man möchte denken, leitende Angestellte sind das Bild einer Institution die in gewissen Fällen nicht durch Immigrantenkinder repräsentiert werden möchte.
Was die Schule betrifft, so haben die Jugendlichen uns berichtet, wie schwer es ist, zur Schule zu gehen oder zu studieren, wenn man kein Zuhause hat, wo man darin von der Familie begleitet wird. Und doch haben die meisten von denen Hilfe zu finden gewußt, bei lokalen Einrichtungen und Verbänden. In allen diesen Fällen hatten diese Begegnungen dann zum schulischen Erfolg geführt.
Antwort 2: Tatsächlich überdiplomiert zu sein oder bloß über einen Studienabschluß zu verfügen kann in der Tat bei der Stellensuche kontraproduktiv wirken. Viele Lösungsmöglichkeiten wurden von Politikern angesprochen: Man hat über Quoten diskutiert und sogar über positive Diskriminierung...
Ich für meinen Teil bin da skeptisch, bei beiden Lösungen. Wenn man sich anschaut, wie Betriebe und Einrichtungen solche Notwendigkeiten umschiffen, sieht man, daß das Problem viel komplizierter ist: Das sieht man bei Frauen, bei behinderten Menschen und sogar im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Da werden die Regelungen auch umgangen. Das Problem rührt vielleicht daher, das wir in einem repressiven System sind, in einem System, welches Vorschriften macht. Die Gesellschaft sollte sich vielleicht in eine vorbeugende Vorgehensweise begeben, mit Anreizen, die die Dinge vielleicht ändern könnten. Doch bleibt das Problem vollständig bestehen, denn, wie Sie sagen, die Diskrimination ist in den Einstellungen und Mentalitäten verankert.
Antwort 3: Die Gesellschaft hat sich seit einiger Zeit geändert. Die Erziehung und die Familien waren Wandlungen ausgesetzt. Die Tatsache, daß der Arbeitsmarkt zerbrechlich geworden ist, hat Veränderungen in den Familien zur Folge. Auch die Konsumgesellschaft beeinflusst verschiedene Einstellungen und auch die Erziehung. Die Weitervermittlung zwischen den Generationen vollzieht sich nicht mehr auf dieselbe Weise. Man kann feststellen, daß viele Väter nicht mehr in der Lage sind, an ihre Söhne weiterzugeben, was sie früher weitergeben konnten. In fortwährender Existenzbedrohung zu leben, unterbindet bei vielen Familien sogar jegliche Art von Übermittlung.
Dennoch haben wir in unserer Untersuchung festgestellt, daß die meisten Familien präsent sind und willens, ihr Kind zu erziehen.
Das schlechte politische Management der Vorstadtproblematik liegt sicherlich an dem Problem, daß die dortigen Familien sich vom Staat vergessen fühlen. Sie sind alltäglichen, ethnischen, räumlichen, sozialen und arbeitsmarktbedingten Diskriminierungen ausgesetzt. Die staatlichen Hilfen halten heutzutage nicht mehr ihr Versprechen und die angekündigten Finanzierungen werden schon vor der Umsetzung verschiedener Programme gekürzt.
Es scheint für den Staat einfacher, die Jugendlichen als "Gesindel" zu behandeln und die Ordnungskräfte zu schicken, als dauerhafte Lösungen zu finden und eine Politik zu entwickeln, die Vertrauen in ein besseres Leben schaffen könnte.
Antwort 4: In den 1980ern, mit der Entwicklung der "Politik der Städte", und vor allem nach den Aufständen in den Vorstädten in den 1990ern erleben wir eine Übernahme von Jugendproblemen durch lokale Einrichtungen. Die Kommunen entwickeln Räume,, die erlauben sollen, sich um Jugendliche zu kümmern. Diese Räume sind je nach Kommunalverwaltung unterschiedlich. Meistens werden sie von einem Jugendamt verwaltet, dessen Aufgabe und Arbeitsweise dann je nach der politischen Farbe der Kommune unterschiedlich ausfallen. Man könnte denken, daß die Institutionen in der Hoffnung auf sozialen Frieden den Jugendlichen geben und die Jugendlichen etwas bekommen.... Man kann auch sagen, daß die Jugendlichen fordern und die Institution dann gibt. Das ist jedoch viel komplizierter. Tatsächlich baut sich eine Verbindung auf zwischen den Institutionen und den Jugendlichen durch die Vermittlung der Sozialarbeiter. Dies erlaubt eine Wechselwirkung und eine für beide Seiten ausreichend befriedigende Politik, eine gegenseitige Bereicherung, eine gegenseitige Sozialisation.
Antwort 5: Man kann nicht sagen, daß das nicht funktioniert oder überhaupt keine Wirkung hat. Die Schule, die Verbände, die Sportstätten, das sind Räume der Sozialisierung und des Lernens. Sie sind eine Begleitung bei der Persönlichkeitsentwicklung. Sie sind wichtig, denn sie erlauben es gleichermassen, andere Leute zu treffen wie zu lernen, in der Gemeinschaft zu leben. Unglücklicherweise reichen diese Räume nicht aus, eine Krise zu regeln, die viel breiter und tiefer ist.
Wir finden uns heute mit Vorstädten wieder, in denen nur noch die Familien in prekärsten Situationen übrig sind, die nirgendwo sonst leben können. Die Krise am Arbeitsmarkt, die Wohnungsnot, das sind Probleme, die nicht nur auf lokaler Ebene gelöst werden können. Wir haben es mit einer Krise zu tun, die der Staat managen muß.
Und doch gibt es in den armen Vierteln menschliche und gemeinschaftliche Ressourcen sowie eine gewisse soziale Erfahrung mit den Schwierigkeiten des Lebens. Sobald man sich die Zeit nimmt, diesen Leuten zuzuhören und ihnen wirkliche Beteiligung anzubieten, stellt man fest, daß sie über ein Wissen verfügen, das für uns alle wichtig ist. In der "Politik der Städte" wurde die Bedeutung der Anwohnerbeteiligung ausdrücklich klargestellt. Diese Bedeutung scheint vergessen zu sein.
In Frankreich haben wir ein System der Institutionalisierung von Menschen aufgebaut, die einer gewissen Art von Staatsbürgerschaft entsprechen sollen. Die finanziellen Mittel sorgen vor allem dafür, die Leute in entsprechenden vordefinierten Rahmen zu halten.
Eine Studie zeigt, daß in den USA eine Bürgerbeteiligung dazu führte, eine Art lokaler Gegenmacht aufzubauen, welche das Leben der Einwohner real mit einbezog und Möglichkeiten zur Veränderung öffnete.
In Frankreich sind wir weit entfernt von solcher Bürgerbeteiligung.






































