Staatspräsident Chirac erklärte heute vormittag, den Artikel 8 des "Gesetzes zur Chancengleichheit", juristische Grundlage für den CPE, durch "ein Dispositif von Maßnahmen zugunsten Jugendlicher in Schwierigkeiten" zu ersetzen. Bis ins Wochenende war die Strategie noch das Spiel auf Zeit mit den parlamentarischen und allgemeinen Osterferien. Nach zwei Monaten und zehn Tagen Protestbewegung ist nun wohl sogar im außerhalb eigener Kreise taub-blinden Pariser Polit-Establishment die Einsicht durchgedrungen, daß sie den Druck der Bevölkerung nicht mehr loswerden, Ferien hin, Ferien her. Rücknahme, das war die vorneanstehende Forderung der Bewegung, und dieser Sieg ist so verdient wie des Applauses wert. Gefordert war über den CPE hinaus die Aufhebung des gesamten Chancengleichheitsgesetzes sowie die seit August bestehende Auflösung des Kündigungsschutzes für die ersten zwei Jahre in Betrieben unter 20 Mitarbeitern, und wie der Artikel 8 ersetzt werden soll, weiß niemand, doch kann man der Sozialbewegung vertrauen und ihr Erfolg wird darum nicht kleiner.
Die Staatsmacht, nicht nur die vom Präsidenten auswechselbare Regierung, ist nicht bloß eingeknickt, sie ist auf den Knien: Während der ganzen Zeit war Innenpolitik, waren weitere Regierungsprojekte natürlich lahmgelegt und jetzt sind sie es erst recht. Schröder wurde gewiß nicht durch Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV an die Wand gedrängt, sondern durch eine Mischung aus einer langewährenden Medienkampagne, offenen Ohren dafür im Volk und der Blockadestrategie der Union dort, wo sie Mehrheiten hatte. Bei unseren Nachbarn war es ausschließlich die Entschlossenheit, Kraft und Ausstrahlung der neuen Schüler- und Studentenbewegung, der Gewerkschafter und vieler, vieler anderer Menschen. Der institutionelle Ausweg für eine handlungsunfähige politische Macht wären Neuwahlen. Doch solange dort keine Kandidaten mit glaubwürdigen Projekten zur Demokratisierung des Landes, zum Respekt der Bevölkerung und ihrem Einbezug in die Entscheidungen, zu menschenfreundlichen Reformen des Arbeitsmarktes und der Sozialsysteme antreten, werden auch keine Wechsel des politischen Personals dazu führen, daß die Jugendbewegung der politischen Macht von der Pelle rückt. Die Zeiten, wo man dort nur nichtwählt oder protestwählt und eine Mehrheit dann diejenigen wählt, die womöglich "besser" regieren werden, die sind definitiv vorüber. Politische Ziele werden abgefragt werden und Gesellschaftsveränderung im Sinne der Menschen ist gefordert. Die Jugendbewegung wird nun von unseren Bildschirmen verschwinden, nicht aber aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben Frankreichs. Anfangs mag eine Bewegung geschickt auszubremsen sein, doch dann liegt es in der Natur der Sache, daß diese sich fortentwickelt und Ufer überspült. Zulange (für sie, für uns dem Himmel sei Dank) hat die ignorante französische Macht gar nicht gesehen, daß dort nicht nur demonstriert, sondern auch kritisch debattiert wird, und zwar über alles. Das läßt auch tief blicken: Wenn ein Hampelmann wie ich in seinem ersten Artikel am 12.3. den "Geruch von 1968" feststellt und sieht was kommen wird, wieso können das diese Absolventen der Super-Elite-Uni "Nationale Schule für Administration (ENA)", aus denen sich die politische Klasse zusammensetzt, wieso können die das nicht? Weil sie nicht nur jeden Bezug zum Volk verloren haben, sondern nie einen hatten. Das ist ihnen endlich auf die Füße gefallen, eine "Rückkehr zur Tagesordnung" ist ihnen versperrt und das ist der zweite Sieg der Jugendbewegung. Sie hat zusammen mit den Gewerkschaften weitere konkrete Forderungen und sie wird den konstruktiven Dialog, nicht die Präsentation von Monologen, nicht den blödsinnigen mittigen Kompromiß erzwingen, sofern er im Hintergrund nicht schon in Teilen angebahnt ist.
Der dritte Sieg ist der, den sie für uns, für die Bevölkerungen der Nachbarländer, errungen haben: Alle konnten sehen, daß es möglich ist. Danken dafür müssen wir der Schüler- und Studentenbewegung nicht. Verstehen sollten wir die Botschaft vom Wert des eigenen Handelns. Bei uns steht als Nächstes eine hinter verschlossenen Türen abgemacht sein werdende Reform des Gesundheitswesens an.
Meine Serie schließt mit diesem 38. Teil, der gleichsam eine neue einleitet: Zwei, drei, viermal im Monat werde ich wie gehabt aus dem Inneren einer Bewegung berichten, nun einer, die man nicht mehr sehen wird, und von Veränderungen, an denen das Auge unserer Medien vorbeischaut.
(technorati-tags: cpe Politik Frankreich)
























































