"Vorstandswahnsinn", so bezeichnet mein Freund Outbacker in seinem "Armen Philosophen Blog" das Trainerkarussell der vergangenen Woche. Ich für meinen Teil hatte mir als überzeugter Tricolore- und auch Anti-Bayern-Fan in Punkto Sportkommentaren an sich geschworen, den Ball lieber flacher zu halten und meine Marseillaise in den politischen Artikeln zu singen.
Nun aber sind Magath und Doll fast gleichzeitig ihrer Mannschaften verlustig gegangen und zwischen Outbacker und mir spannt sich eine kleine Halbkontroverse: zwei Trainerstürze, zwei Topvereine (jaja, auch der HSV!), eine Ligawelt? Zwei Ansichten:
Vorstandswahnsinn in der Bundesliga, von Outbacker am 01.02.07
Schon hatten wir uns im Verlauf der Saison gefreut, dass die Sitten nicht mehr ganz so rauh sind und Worte wie Vertragstreue und Standhaftigkeit offensichtlich wieder höher im Kurs sind, haben uns die Verantwortlichen von Bayern München und Hamburger SV wieder eines Besseren belehrt: es ist eben doch sehr einfach, die eigenen Fehler zu kaschieren, unmotivierte und überbezahlte Spieler hinzunehmen und dann einen Sündenbock zu präsentieren, den wir alle schon aus der Vergangenheit zur Genüge kennen: den Cheftrainer. Der ist an allem schuld und muss weg - wie jetzt in München und Hamburg.
Beide machen dabei keine besonders glückliche und gute Figur, wenn man sich die Führungsetagen betrachtet. Nach dem Rausschmiss von Felix Magath - immerhin als Cheftrainer für den bisher in der Bundesligageschichte einmaligen Erfolg des zweifachen, aufeinanderfolgenden Double-Gewinns verantwortlich - hat man sich vom Nimbus des seriös und bedacht agierenden Spitzenvereins endgültig verabschiedet. Die bisher von Konstanz und gegenseitigem Einvernehmen gekennzeichnete Personalpolitik wurde über Bord geworfen, man hat sich jetzt dem Rest der zum Teil dilletantisch und egomanisch geführten Bundesligaklubs angepasst. Die Ursachen für den mangelnden sportlichen Erfolg sind dabei ohnehin diesselben wie beim Ligakonkurrenten von der Elbe: konzeptionslose Transferpolitik, gepaart offensichtlich mit mangelndem Verständnis von mannschaftsinternen Mechanismen sind die Gründe für den Niedergang, nicht die schlechte Arbeit der Trainer. Dass die Spieler dann irgendwann auch keine Lust mehr haben, wenn ständige Fluktuation das Kollektiv schwächt und die Presse nach Misserfolgen auf sie einprügelt, ist nicht verwunderlich. In München hat man nach dem Abgang der goldenen Generation - zuletzt, wirklich als I-Tüpfelchen, Ballack - es versäumt, konzeptionelle Nachfolger zu integrieren. In Hamburg wurde aus Geldgier der Erfolgsgarant der Vorsaison - die Abwehr - fast komplett verkauft und jetzt ist die Verwunderung gross, dass keine Siege mehr erscheinen. Auch hier ist natürlich der Trainer schuld - nicht die Führungsetage, die eine verteidigungslose Multikultitruppe als Spitzenmannschaft für die neue Saison präsentiert hat.
Gott sei Dank - nach dem tiefen Fall des FC Bayern in die Niederungen des Dilletantenmanagements - gibt es auch positive Beispiele: Nürnberg mit einem Trainerkontrakt auf Gegenseitigkeit und behutsamer Aufbauarbeit und Mainz, das unbeirrt am Trainer festhält - ungeachtet des momentanen Tabellenplatzes.
Mein Artikel hat leider keinen Titel, so gibt es hier zur optischen Trennung die kleine unparteische Bildergalerie mit den beiden Trainern

Dein Artikel ist völlig richtig, nur verstehe ich nicht ganz, wieso Du ausgerechnet den HSV anfangs in den Topf mit hineingibst, bloss weil die Trainer gleichzeitig entlassen wurden. Der HSV war bis vor einer Woche das krasse Gegenbeispiel. Mir hatte das so imponiert und ich hatte so sehr gehofft, dass die ein paar Punkte machen und ihre Haltung gegen das Trainerkarussell und die Boulevardpresse durchstehen.
Schade drum und ein zähneknirschendes Okay: auch Fans müssen wohl einsehen, dass nicht unbedingt ein 25. Tabellenplatz mit Märtyrertoten abgewartet werden kann.
Sehen wir aber nicht nur die letzten vier Tage, vergessen wir nicht, was davor war: Erstmals in der jüngeren Bundesligageschichte hat ein grosser Traditionsverein dem von Dir beschriebenen System, den Mechanismen der Boulevardpresse (die wurden sogar "umgedreht") und jedwedem Druck hinter den Kulissen viele lange Wochen getrotzt. Überall sonst in der Profifussballwelt wäre Doll schon drei Monate vorher gefeuert worden. Haben die aber nicht getan. Gefeuert wurden auf der Jahresmitgliederversammlung im Kongresszentrum die Journalisten: erst ausgepfiffen, dann ausgesperrt. Alle.
Im Rahmen der Presse- und Informationsfreiheit war das natürlich eine üble Aktion. Betrachtet man aber mal, mit welchen Schlagringen lokale Boulevardpresse austeilen kann, leider auch nicht nur in der Sportseite, dann jubelt einem doch das Herz (mir zumindest jubelte es) wenn da einmal zurückgetreten wird - nicht von Funktionären (denen war das peinlich), nicht von Nazifans, sondern vom HSV- Fussballvolk.
Das ist jetzt auch keine linke "Sozialromantik" von wegen "die Fäuste hoch, die Ketten sprengen". Für die, nebenbei gesagt Erfinder der Piratenflagge im Stadion, gibt es seit mindestens zwei Jahrzehnten in derselben Stadt den FC St. Pauli. Auf der weniger leutseligen Seite waren Minderheiten von HSV- Fans jahrelang eher glatzköpfig aufgefallen.
Diese in der Fussballwelt lange Geschichte, die jetzt wohl keine Nachahmer findet, von "wir feuern unseren Trainer nicht" ist nicht bei einem Underdogverein passiert. Es war der HSV: tolle Mannschaft, Stars, "Millionentruppe", toller Trainer. Sponsoren, Geld, Millionen.
Warum die nicht um einen UEFA- Platz spielen, ist mir schleierhaft und kann wohl nur durch eine sportwissenschaftliche Doktorarbeit erhellt werden. Genau wie, liebe Studenten, das Festhalten am Trainer, aller Widerstände zum Trotz, auch ein prima Thema für eine sozialwissenschaftliche Abschlussarbeit wäre.
Halten wir dann noch kurz fest: Doll wurde, so wie ich das mitbekommen habe, erst zu einem Zeitpunkt hinausgeparkt, als Magath schon kein Bayer mehr war.
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